100 Jahre Güde – warum haben wir überlebt?

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Als 1910 mein Urgroßvater mit der Messerproduktion begann, gab es in Solingen weit über hundert Firmen, die Messer herstellten. Heute sind es keine zehn mehr. Wieso  gibt es unsere Manufaktur noch? Ein Erfahrungsbericht von Dr. Ing. K. -Peter Born, geschäftsführender Gesellschafter der Franz Güde GmbH, Solingen.

Wer zu der Nachfolgeneration eines Unternehmens gehört, sieht das Geschäftsfeld mit etwas anderen Augen. Man spürt die Verantwortung, die Geschicke eines generationenüberdauernden Unternehmens fortzuführen und ist sich bewußt, wieviel Arbeit die Vorväter und –mütter zu allen Zeiten in den Aufbau gesteckt haben.

Aber man weiß auch: Herausforderungen gab es zu allen Zeiten; das „nordet“ aktuelle Aufgaben zuweilen auf Normalmaß ein. Vor allem aber zeigt die eigene Unternehmensgeschichte, dass nur eines den Fortbestand wirklich sichert: Der Wandel.

Tüftler mit Fleiß und Disziplin

Was mein Unternehmen angeht, so habe ich es meinen Vorfahren zu verdanken, die mit Fleiß und Disziplin die Firma aufgebaut haben. Insbesondere meinem Großvater Franz, der ein bergischer Tüftler war und jede Minute in dem Betrieb verbrachte, um neue Produkte oder Produktionsverfahren zu entwickeln. Dies umso mehr, da das Wohnhaus an die Fabrik angebaut war und Freizeit und Beruf so miteinander verschmolzen. Besonders zu erwähnen sei seine Innovation des Güde-Wellenschliffs mit spitzen Zähnen, den man heute bei vielen Brotmessern findet. Es wurde immer auf Qualität geachtet und mehrere Gebrauchsmuster und Patente konnten angemeldet werden.

 Klare Verhältnisse sichern die Zukunft des Unternehmens

Produktionsmittel und Standort waren immer in Familienbesitz, was uns in schwereren Zeiten das Überleben ermöglichte. Auch die Nachfolge wurde mit jeder neuen Generation klar geregelt: Es gibt nur einen Geschäftsführer, wodurch effiziente Führung und Umsetzung der Strategie gewährleistet sind. Streitigkeiten oder das Ausbluten der Firma durch Teilung zwischen verschiedenen Kindern konnten so vermieden werden.  Schon in den zwanziger Jahren wurden die hergestellten Produkte weltweit vertrieben. Die meisten Solinger Unternehmen waren von Anfang an „global player“. Sicher gehörte auch Glück dazu, insbesondere die Kriegsjahre und die ersten Nachkriegsjahre zu überstehen.

Dann kam das Wirtschaftswunder, von dem auch unsere Firma profitierte, das aber in den  70er Jahren sein Ende nahm. Eine nach der anderen Messerfabrik schloss die Tore. Güde hatte gut zu tun und exportierte in die USA und vor allem in den Iran. Doch mit der Rückkehr Chomeini´s verloren wir mehr als  ein Drittel des Umsatzes.

Beängstigender Strukturwandel

In dieser schwierigen Zeit, 1983, bin ich, direkt von der Uni, in die Firma eingetreten. Idealismus, Optimismus, technische Kenntnis und ein Jahr Auslandsaufenthalt sowie nicht zu dem heimischen Solinger Klüngel zu gehören (meine Mutter hatte nach Kaiserslautern geheiratet), waren mein Rüstzeug.

Nach einem Probejahr in der Firma, die da mein Onkel leitete, entschloss ich mich, noch fünf Jahre gemeinsam mit meinem Onkel die Firma zu führen, um in dieser Zeit zu promovieren und danach alleine die Firmenleitung zu übernehmen.

Wir entwickelten eine neue Messerserie, machten einen ersten Film über die Messerproduktion, dennoch war professionelles Markting wie bei vielen unserer Marktbegleiter ein teures und vermeidbares Unterfangen. In den Jahren 1990 bis 2010 verschwand pro Jahr etwa ein Wettbewerber vom Markt. Das war schon etwas beängstigend, wenn man auch nur gerade so zurechtkam.

Markenvertrauen als Basis

Die Wichtigkeit von Marketing war mir inzwischen sehr bewußt. Von großer Bedeutung stellte sich daher das Zusammenfinden mit einer Kommunikationsagentur aus Düsseldorf heraus.  „Ihre Produkte sind viel besser als Ihr Markting“ war einer der Eingangssätze. Das, wofür Güde steht, wurde identifiziert und für die Kommunikation formuliert: Hohe Qualität; Handarbeit; authentisch; Familienunternehmen seit 1910; klare, ehrliche Statements; Tradition und Innovation.

Das unverwechselbare und eigenständige der Güde Produkte wurde herausgearbeitet, das Schärfen der Messer wurde thematisiert. „Gute Messer brauchen den Wetzstahl“ – lautet der Titel einer Güde Broschüre.

Gleichzeitig haben wir mit befreundeten Firmen kooperiert und unsere Firma im Rahmen eines Tages der offenen Tür für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Bei Euch sieht es ja wirklich so aus wie Ihr schreibt“ war ein oft zu hörender Kommentar. Wir wurden als authentisch, ehrlich, offen und sympathisch aufgenommen. Im Zeitalter des Misstrauens gegenüber Konzernen ein großes Pfund.

Digitale Zeitenwende im Marketing

Die Besucher spürten auch, dass die Mitarbeiter mit Engagement und stolz bei der Arbeit waren. Wobei wir bei den Mitarbeitern wären, die in einem Manufakturbetrieb die wichtigste Komponente darstellen. Sowohl was die Kosten,  als auch die Produktivität angeht. Bei uns erhalten die Mitarbeiter eine Erfolgsprämie, wenn es die Bilanz erlaubt. Ein besonders gutes Jahr wurde darüber hinaus mit einem Wochenende Mallorca belohnt.

Die Wichtigkeit von Internet und Social Media wurde von vielen unterschätzt. Wir haben frühzeitig und großzügig in den Aufbau und Ausbau unserer Homepage investiert und tun dies auch bei unserer Präsenz in den Social Media. Dies ist nicht nur ein Marktplatz zum Kaufen und Verkaufen – hier werden Erfahrungen ausgetauscht. Firmen werden bewertet und kommentiert. Vorbildlichen Service und eine kulante Reklamationsbearbeitung werden von den Verbrauchern geschätzt und sprechen sich schnell herum – und stärken somit das Vertrauen in die Marke.

Aus all diesen Aktivitäten heraus verbesserte sich die Ertragslage und die Firma konnte weitgehend von Banken unabhängig agieren. Das hilft uns heute, auch Durststrecken zu überstehen. Schließlich gilt für uns, was für die meisten Familienunternehmen gilt: Wir haben nicht das Quartal, sondern Generationen im Blick.

Dr. Ing. K. -Peter Born ist geschäftsführender Gesellschafter der Franz Güde GmbH, Solingen.

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