Überblick über die Alternativen zur Bankfinanzierung

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Banken genießen inzwischen alles andere als einen guten Ruf. Welcher Mittelständler arbeitet heutzutage noch gerne mit Banken zusammen? Für manchen ist es eine Frage der Ethik, die Bank herauszulassen, wenn immer es geht. Für andere bietet die Bank einfach nichts Passendes an. Doch was sind die Alternativen? Von Professor Dr. Ralf Beck.

Beteiligung an Geldwäsche und Steuerhinterziehung, Zinsbetrug bezogen auf Leitzinsen, Manipulation von Edelmetall- und von Devisenkursen, Fehlberatung von Kunden zum eigenen Nutzen, verdeckte Gebühren – die Giftliste ist lang und betrifft in aller erster Linie Großbanken.

Doch unabhängig von ethisch-moralischen Erwägungen: mittelständische Unternehmen haben vermehrt Finanzierungsprobleme, weil die Banken nicht mitziehen und ihre Kreditvergabe einschränken. Ein weiteres Thema ist, dass Banken i.d.R. vertriebsorientiert und nicht kundenorientiert denken und handeln. Speziell auf die Bedürfnisse bestimmter Kunden ausgerichtete Produkte und Leistungen sind dort eher eine Seltenheit. FinTech-Unternehmen heißen die neuen bankenunabhängigen Anbieter, die in den letzten drei bis vier Jahren vermehrt in Erscheinung getreten sind und die von den Banken offen gelassene Lücken ausnutzen. Werden es die FinTechs-schaffen, breitflächig besser zu sein als die Banken?

Frische Anbieter alternativer Finanzierungen kommen auf

Lassen wir die Beantwortung dieser Frage einfach mal offen und sehen uns an, wer diese FinTechs sind und was sie zu leisten in der Lage sind. Vorab aber schon eines: Ohne Banken wird es auch in Zukunft nicht gehen, denn zahlreiche Finanzgeschäfte sind denjenigen Unternehmen vorbehalten, die über eine Banklizenz verfügen. Unser Rechtssystem legt das so fest. FinTechs können nur dort komplett bankenunabhängig agieren, wo das Gesetz entsprechende Freiräume lässt. Dies wird dazu führen, dass es bei Finanzprodukten vermehrt zu einer Dekomposition der Wertschöpfungskette kommt, zu einer Aufteilung der Arbeit zwischen FinTechs und Banken. FinTechswerden mehr und mehr Teile der bisherigen Bankenleistungen übernehmen, gelegentlich sogar die gesamte Leistung. Nicht selten werden FinTechskünftig das Front-End zum Kunden hin sein und die Banken werden bei manchen Geschäften nur noch Teilleistungen im Hintergrund erbringen, wenn der Gesetzgeber dies verlangt oder die Bank diese Teilleistungen effizienter durchführen kann. Die Finanzlandschaft wird sich jedenfalls im Laufe der nächsten Dekade spürbar verändern.

Ein erster Vorbote ist der große Erfolg des Finanzdienstleisters PayPal. Ihm gelang es, in eine Domäne der Banken vorzudringen, den Geldtransfer, und dort ein echtes Schwergewicht zu werden. Ein weiteres Beispiel ist das sogenannte Peer-to-Peer-Lending, oft auch als Crowdlending bezeichnet, bei dem Kredite direkt von Privatleuten an andere Privatpersonen oder an Unternehmen gehen. Über das Internet wird eine größere Menge von Einzelpersonen „eingesammelt“, die gemeinsam Kredite speist, die an Privatpersonen und Unternehmen herausgereicht werden. Die weltweit erfolgreichste Plattform, die ein solches Crowdlending organisiert, heißt Lending Club und stammt aus den USA. Nordamerika brachte es in 2015 hinsichtlich alternativer Finanzierungen (Crowdlending plus Crowdfunding) aufein Gesamtvolumen in Höhe von rd. 36,5 Mrd. US-Dollar, also etwa 32,5 Mrd. Euro. Das von Lending Club vermittelte Kreditvolumen belief sich im Jahr 2015 allein auf 8,4 Mrd. US-Dollar, rd. 7,5 Mrd. Euro. Im Vergleich zu dem, was Banken finanzieren ist das zwar noch fast verschwindend gering, allerdings sind die Wachstumsraten für alternative Finanzierungen enorm. Deutschland hängt vom Volumen her international freilich noch kräftig zurück.

Der größte Anbieter für Peer-to-Peer-Kredite in Deutschland ist auxmoney mit einem Vermittlungsvolumen von rd. 100 Mio. Euro in 2015. Im Vergleich zu Lending Club ist das noch ziemlich wenig. Der Einstieg mehrerer internationaler Großinvestoren mit zweistelligen Millionenbeträgen in auxmoney deutet auf die erwarteten Marktchancen hierzulande hin.

Die meisten Peer-to-Peer-Kredite richten sich auf den privaten Bereich und nurein geringerer Teil auf Unternehmen. Speziell auf die Finanzierung von Unternehmen ausgerichtet ist hingegen das sogenannte Crowdinvesting, international zumeist als Equity Crowdfunding bezeichnet.

Crowdinvesting als junge Finanzierungsalternative

Wenn es um die Finanzierung von Startups und von bereits etablierten Unternehmen mit Wachstumsperspektiven geht, ist das Crowdinvesting ggf. eine interessante Finanzierungsvariante, die Geld plus Marketingeffekte liefern kann. Internetplattformen sammeln dabei von einer größeren Anzahl von Einzelpersonen (Crowd) Geld ein, das zur Finanzierung von Unternehmen genutzt wird. Im Gegenzug wird die Crowd am Erfolg der von ihnen finanzierten Unternehmen beteiligt. So etwasorganisierendeCrowdinvesting-Plattformen heißen z.B. Companisto, Seedmatch,Innovestment, FunderNation, Venturate, Bergfürst und Geldwerk1.

Erst seit Oktober des Jahres 2011, also seit knapp fünf Jahren, gibt es das Crowdinvesting in Deutschland. Der Markt befindet sich hierzulande folglich noch in einer rechtfrühen Phase und ist entsprechend überschaubar, weißt allerdings enorme Zukunftspotenziale auf. Ganz anders als in Großbritannien wuchs das Crowdinvesting-Volumen in Deutschland bisher noch vergleichsweise gemächlich. Vielleicht kommt aber in 2016/17 zusätzlicher Schwung in den deutschen Markt: Die Plattform Geldwerk1 bereitet derzeit nämlich in Kooperation mit „Die Deutsche Wirtschaft“ ein Fernsehformat für das Crowdinvesting vor.

Die wichtigsten Finanzierungsquellen im Überblick

Natürlich gibt es noch weitere Finanzierungsmöglichkeiten, bei denen die Bank außen vor bleiben kann. Hier sind die wichtigsten Alternativen mit ihren Charakteristiken in Kurzform:

  1. Familie und Freunde: I.d.R. nur bei geringen Volumina einsetzbar.
  2. Mitarbeiter: I.d.R. ebenfalls nur bei geringen Volumina einsetzbar; der Motivationseffekt ist oft das Hauptmotiv für eine solche Art der Finanzierung/Beteiligung.
  3. Fördermittel: Zumeist sehr gute Zinskonditionen; i.d.R. Sicherheiten erforderlich; in der Praxis nicht selten langwierig und kompliziert.
  4. Business Angel (BA) und Venture Capital-Geber (VC): Meist nur bei größeren Volumina einsetzbar; oftmals inkl. guter Unterstützungsleistungen;nicht selten ausführliche Prüfung und längere Verhandlungsphase; BA und VC verlangen zumeist recht hohe Anteile und umfangreiche Mitspracherechte.
  5. Crowdinvesting: Finanzierung plus Marketingeffekt durch die Crowdinvesting-Kampagne; Crowd als Unterstützer; keine Mitspracherechte der Crowd; nicht unbeträchtlicher Vorbereitungsaufwand.
  6. Anleihen: Nur bei extrem hohen Volumina einsetzbar; recht gute Konditionen; extremer Vorbereitungsaufwand und sehr lange Vorlaufzeit.

Eine breite Anlegerschicht kann profitieren

All diese Finanzierungsformen haben einen profitierenden Konterpart, wenn es läuft: den Geldgeber bzw. -anleger. Die Anlageform für fast jedermann ist das Crowdinvesting. Anleger können dabei zumeist schon mit geringen Beträgen, manchmal schon ab fünf Euro, in die von ihnen ausgewählten Projekte investieren und an deren Erfolg teilhaben. Die Ausfallquote liegt beim Crowdinvesting in Deutschland aktuell bei ca. 12%. Es zählt mithin zu den risikobehafteten und gleichzeitig chancenreichen Anlageformen.Eine breite Risikostreuung ist hier eine gute Taktik, um nicht ausgerecht nur auf Verlustprojekten hängen zu bleiben und das eine oder andere durchstartende Projekt mit im Portfolio zu haben.Besonders in Zeiten historisch niedriger Zinsen kann das Crowdinvesting eine durchaus interessante Anlagealternative sein.

Crowdinvesting als Trend?

Von den zuvor genannten Finanzierungs- und Anlageformen hat das Crowdinvesting die sicherlich mit Abstand größte Wachstumsperspektive und kann zu einem wichtigen Baustein für prosperierende Volkswirtschaften werden.Der Erfolg des Crowdinvestingswird letztlich einerseits von der Menge und der Qualität der auf diesem Wege zu finanzierenden Projekte (Nachfrageseite) abhängen und andererseits von der Offenheit und Bereitschaft der Anleger (Angebotsseite), sich auf ein Crowdinvesting einzulassen.

Prof. Dr. Ralf Beck lehrt im Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Dortmund mit Schwerpunkt Rechnungswesen und Controlling. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform Geldwerk1 sowie Autor des auf die Shortlist des Deutschen Finanzbuchpreises 2015 gelangten Buches „Crowdinvesting – Die Investition der Vielen“ und des Buches „Wer braucht noch Banken? – Wie Start-Ups die Finanzwelt verändern und was uns das nutzt“.

 

2 Antworten zu “Überblick über die Alternativen zur Bankfinanzierung”

  1. Das Interesse an Crowdfunding wächst ja schon immer weiter an. In der Vergangenheit haben sich dadurch schon tolle Projekte realisieren lassen. Kein Wunder, dass immer mehr darauf zurückgreifen, allerdings sollte man nicht vergessen, wieviel Arbeit hinter solchen Projekte steckt.

  2. Da kann ich Katrin nur zustimmen. Ein weiteres Instrument ist übrigens das Crowdlending für den Mittelstand, das immer interessanter wird. Unerwähnt bleiben die Möglichkeiten von Factoring, das auch schon für KMU mit kleineren Volumina möglicht ist. Und die Mitarbeiterkapitalbeteiligung kommt mir ein bisschen zu kurz. Das ist m. E. wirklich ein gutes Instrument von dem beide Seiten profitieren. Ich hatte dazu im April etwas gebloggt http://www.orthwein-beratung.info/2016/04/mitarbeiterkapitalbeteiligungen-ein.html

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