Chinas Schwäche – brandgefährlich für die deutsche Industrie

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Auf den ersten Blick bietet die Situation in Deutschland keinen Anlass zur Sorge: Wachstum und Beschäftigung befinden sich derzeit auf hohem Niveau. Doch im Erfolg liegt auch eine Gefahr: Die einseitige Konzentration der gegenwärtigen Investitionstätigkeit auf die Produktion von Maschinen und Autos macht die deutsche Wirtschaft extrem anfällig für exogene Schocks. Von Professor Dr. Martin Gornig, DIW Berlin.

Die deutsche Wirtschaft gilt als eine der erfolgreichsten in Europa. Und die Grundlage dieses Erfolgs ist die Stärke der Industrie. Sie konnte ihre Wettbewerbsstellung in den letzten Jahren behaupten, weil sie sich insbesondere auf relativ forschungsintensive Industrien wie Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau und Fahrzeugbau ausgerichtet hat.

Doch die Luft wird dünner, denn im letzten Jahrzehnt sind mit den Schwellenländern neue Konkurrenten auf den Weltmarkt vorgedrungen. Sie habenetablierte Industrieländer verdrängt, nicht jedoch Deutschland. Denn vor allem in der Wirtschafts- und Finanzkrise hat Deutschland vieles richtig gemacht: Die in 2009 verzeichneten Verluste waren temporärer. Dazu hat die konzertierte Aktion von Unternehmen, Gewerkschaften und Politik in der Krise beigetragen, die das Wissen und die Kapazitäten in den Industriebetrieben erhalten und so die anschließenden Wachstumserfolge möglich gemacht haben.So blieb der Anteil Deutschlands an der globalen Industrieproduktion auch über die Finanz- und Wirtschaftskrise hinweg weitgehend konstant. Unter den großen etablierten Volkswirtschaften besitzt Deutschland heute mit knapp einem Viertel den höchsten Industrieanteil.

Erhebliche Gefahrenpotentiale

Das muss aber nicht immer so bleiben. Richtet man den Blick nach vorne, sind erhebliche Gefahrenpotentiale für den Industriestandort Deutschland erkennbar. Ein Grund hierfür liegt in der Spezialisierung der Industrie selbst, die immer weiter zunimmt und so die Anfälligkeit des deutschen Produktionsmodells mehr und mehr verstärkt. Betrachtet man beispielsweise die Nettoinvestitionstätigkeit, sinken in Deutschland die Produktionskapazitäten in fast allen großen Industriebranchen. Selbst in den Bereichen Chemie und Elektrotechnik, die gerade noch wesentlich zum guten Abschneiden Deutschlands beigetragen haben, wird weniger investiert als zum Erhalt der Produktionsanlagen notwendig wäre.

Letztlich konzentrieren sich die Investitionstätigkeiten in Deutschland nur noch auf zwei große Branchen: den Maschinenbau und den Fahrzeugbau. Wirklich deutlich mehr als in den anderen westlichen Industrieländern wird in Deutschland aber nur noch in die Automobilproduktion investiert. In den anderen Industrien von Chemie bis hin zur Elektrotechnik veraltet der Kapitalstock zusehends, und errungene Wettbewerbspositionen gehen verloren.

Langfristig hilft nur, stärker zu diversifizieren

Eine Krise in China würde daher den letzten in Deutschland noch investitionsstarken Bereich treffen. Wenn die chinesische Wirtschaft weniger Maschinen für das Wachstum ihres Produktionsapparates braucht und die chinesischen Konsumenten sich weniger Autos leisten können, bleiben die erhofften volkswirtschaftlichen Impulse der Industrie für Deutschland aus. Produktion und Beschäftigung gehen dann zurück, nicht nur im Maschinen- und Fahrzeugbau, sondern auch in den vielen Branchen, die Teile, Services und Know-how an sie liefern.

Kurzfristig bleibt zu hoffen, dass das Wiedererstarken des europäischen Absatzmarktes größeren Einbrüchen entgegenwirkt. Langfristig hilft aber wohl nur, stärker zu diversifizieren. Will heißen: Die deutsche Wirtschaft muss die vielfältigen Chancen industrieller Entwicklung im Zuge der Digitalisierung nutzen – und zwar nicht nur bei Autos und Maschinen.So könnte Deutschland als Investitionsstandort wieder interessant werden, wenn es nämlich gelingt, das Potenzial von Industrie 4.0 gerade auch in vielen traditionellen Konsumgüterindustrien durch die Einbindung des Konsumenten in den Produktionsprozess zu erschließen.

Prof. Dr. Martin Gornig  ist stellvertretender Leiter der Abteilung Unternehmen und Märkte beim DIW Berlin.

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