Die Wirtschaft hat gesprochen

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Wie kann Deutschland „Spitze bleiben“? In der großen Wirtschaftsumfrage von Die Deutsche Wirtschaft haben dazu 3.172 Inhaber und Geschäftsführer deutscher Unternehmen ihre Stimme abgegeben. Herausgekommen ist ein aufschlußreiches Stimmungsbild des Mittelstands – mit überraschenden Ergebnissen.

Von April bis Mai wurden die Führungskräfte der Unternehmen von 10 Millionen bis 1 Milliarde Umsatz befragt. Zum einen wurde abgestimmt über Faktoren, „die Deutschland hemmen, noch erfolgreicher zu sein“. Desweiteren konnten persönliche Statements zur eigenen Branchen- und Praxissicht abggeben werden – wovon reichlich Gebrauch gemacht wurde. Die Frage lautete: „Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, damit der Standort und die Wirtschaft eine gute Zukunft haben?“ Knapp 300 Meinungsbeiträge erreichten die Redaktion.

Bürokratie ist Wachstumsfeind Nummer 1

Was also hemmt die Unternehmen, noch erfolgreicher zu sein? Mit weitem Abstand wurden Bürokratie und Überregulierung genannt: 81 Prozent aller Unternehmer haben die Belastungen aus diesen Bereichen als größten hemmenden Faktor benannt.

Nicht gut weg kommt bei den Entscheidern auch der grundsätzliche Einfluß der Politik auf die Leistungsfähigkeit der Unternehmen. Eine Mehrheit der Befragten, nämlich 55 Prozent, nannten eine „wirtschaftsferne Politik“ als Grund für nicht genutztes Potenzial des Standorts Deutschland.

Wirtschaftspolitik in Deutschland: Eher „ausreichend“ als „Spitze“

Wie genau die Unternehmen dabei die Wirtschaftspolitik der Regierung bewerten, war Hintergrund einer Sonderfrage, bei der um eine „Schulnote“ für die Wirtschaftspolitik der aktuellen Bundesregierung gebeten wurde. Hier ergab sich eine Durchschnittnote von 3,8. Immerhin 44 mal gab es eine „Eins“, hingegen 272 mal eine „Sechs“. Die Noten im Einzelnen:

Note 1: 44 x
Note 2: 332 x
Note 3: 1.104 x
Note 4: 796 x
Note 5: 624 x
Note 6: 272 x
Gesamt abgegebene Stimmen: 3.172
Durchschnittsnote: 3,8 

 

Die Hälfte sagt, unternehmerisches Risiko wird nicht belohnt

Ebenfalls eine Mehrheit der Befragten stimmte den Aussagen zu, „das allgemeine Bildungsniveau läßt nach“ (52 Prozent), „Fachkräftemangel und demographische Entwicklung hemmen größeres Wachstum“ (51 Prozent) und „das unternehmerische Risiko wird nicht belohnt“ (50 Prozent).

44 Prozent der Unternehmer zeigten sich zudem unzufrieden mit dem wirtschaftlichen Verständnis in Öffentlichkeit und Medien, und 39 Prozent sind der Überzeugung, die Auswirkungen des globalen Wettbewerbs auf unsere Wirtschaft würde unterschätzt.

35 Prozent monieren die steuerlichen Belastungen des Generationenübergangs

Dass die aktuell stark in der Diskussion befindliche Neuregelung der Erbschaftssteuer ein wichtiges Thema für die Wirtschaft ist, zeigt dieses Ergebnis: Für 35 Prozent der Umfrageteilnehmer sind die steuerlichen Belastungen des Generationenübergangs ein Hemmschuh für mehr unternehmerische Leistung.

Rund ein Viertel (26 Prozent) monieren, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für neue Technologien und Industrie fehle, und für 23 Prozent belasten exogene Faktoren wie internationale Krisen oder die Flüchtlingskrise die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.

 

So hat die Wirtschaft gestimmt: „Was hemmt Deutschlands Wirtschaft, noch erfolgreicher zu sein?“ (Mehrfachauswahl möglich)

Bürokratie und Überregulierung81 %
Politik ist zu wirtschaftsfern55 %
Allgemeines Bildungsniveau läßt nach52 %
Fachkräftemangel / demographische Entwicklung51 %
Unternehmerisches Risiko wird nicht belohnt50 %
Das wirtschaftliche Verständnis in der Öffentlichkeit fehlt44 %
Globaler Wettbewerb wird unterschätzt39 %
Steuerliche Belastungen des Generationsübergangs35 %
Gesellschaftliche Akzeptanz für neue Technologien und Industrie fehlt26 %
Exogene Belastungen des Standorts wie Eurokrise / Flüchtlinge23 %
3.172 Inhaber und Geschäftsführer deutscher Unternehmen sowie Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung und Verbänden haben abgestimmt

 

Was es braucht, um Spitze zu bleiben

Kritik, Optimismus und Impulse ergaben sich aus den rund 300 Meinungsbeiträgen, die abgegeben wurden. Aufschlußreich hierbei vor allem die Einblicke in die technologischen und unternehmerischen Herausforderungen, denen sich unser Standort stellen müsse.

Eines der „Mega-Themen“ hierbei: Die fortschreitende Digitalisierung. So fordert Matthias Wahl, Geschäftsführer der OMS Marketing Service GmbH und Präsident BVDW, eine offenere Debatte über die Digitalisierung: „Oft verhindern Gesetze heute noch die Digitalisierung, anstatt sie zu gestalten. Umso wichtiger ist es, die politische und öffentliche Debatte über die Notwendigkeit zur Digitalisierung voranzutreiben.“ Auch Inga Bauer, geschäftsführende Gesellschafterin der Bauer & Böcker GmbH & Co. KG in Remscheid ist der Überzeugung, dass mehr Begeisterung für neue Technologien nötig sei: „Viele Unternehmen und Unternehmer sind noch nicht in der neuen Welt angekommen, da sie sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen und damit, ihre Produkte ständig zu verbessern, statt ihr Geschäftsmodell zu überdenken.“

Herausgeber Michael Oelmann zu den programmatischen Konsequenzen der Ergebnisse auf das Mittelstandsmedium DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT hier lesen.

 

Dass es zudem mehr brauche, als „nur“ gute Produkte herzustellen, mahnt Dr. Andreas Bauer, Vice President Marketing, KUKA Roboter GmbH und Mitglied im Vorstand des bvik, an: „Eine höhere Bedeutung des Marketings im Mittelstand ist essenziell, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen B2B-Unternehmen weltweit zu gewährleisten und den Wohlstand Deutschlands zu sichern.“

Formularkrieg und Amtsschimmel

Bürokratie und Überregulierung – bereits bei den Stimmabgaben auf einem traurigen Spitzenplatz – beherrschte auch das Stimmungsbild der Meinungsbeiträge. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen sehen sich hier zu hohen Anforderungen ausgesetzt. „Firmen in unserer Betriebsgröße belasten diese Auflagen ganz besonders“, schrieb beispielsweise Bauunternehmer Ernst Mayer aus Obermeitingen. Und Jürgen Henke, Geschäftsführender Gesellschafter Metallwerke Renner GmbH aus Ahlen formulierte: „Gerade wir kleinen und mittelständischen Unternehmer werden durch Formularkrieg, statistische Erhebungen, Dokumentationspflichten und den Amtsschimmel zu stark belastet.“

Dass der Standort Deutschland mehr Dynamik im Aufbau der Infrastruktur benötige, beschrieb Fritz Dräxlmaier, geschäftsführender Gesellschafter der DRÄXLMAIER Group aus Vilsbiburg, mit einem Vergleich aus eigener Erfahrung: Im chinesischen Langfang habe man mit großer Unterstützung der lokalen Politik in nur kurzer Bauzeit einen neuen Produktionsstandort aufbauen können, im heimischen Südostbayern würde dagegen der Neubau eines für die Wirtschaft wichtigen Bundesstraße seit Jahren nicht vorankommen.

Zurückbesinnen auf unsere Werte

Die die aktuellen politischen Diskussionen beherrschenden Themen wie Flüchtlingskrise, EU, und Staatsverschuldung wurden auch deutlich von den Unternehmern vorgebracht. Christian Tscharke, Inhaber der Tscharke & Tscharke GbR und Regionalvorsitzender des Verbandes DIE JUNGEN UNTERNEHMER – BJU in Remscheid beispielsweise mahnte eine offene Diskussion über die Flüchtlingsfrage an: „Was bringt uns also das permanente Abstempeln und Schubladendenken, anstatt gemeinsam die Diskussion zu suchen und gemeinsam Lösungen zu finden? Nur durch konstruktive Kritik und das Zurückbesinnen auf unsere Werte werden wir diese Herausforderung meistern.“

Der Landesvorsitzende NRW des gleichen Jununternehmerverbands Bundesvorsitzende, Dirk Brenschede, formulierte in einem Meinungsbeitrag, seit Jahrzehnten lebe Deutschland auf Pump. „Diese immensen Belastungen dürfen nicht auf die kommenden Generationen verschoben werden. Dazu sind wir nicht mehr bereit“, so Brenschede.

Auch wenn es einige skeptische, ja geradezu resignative Stimmen gab – insgesamt äußerten sich die Entscheider optimistisch, die Herausforderungen zu meistern: „Das zunehmende Jammern auf hohem Niveau (Steuerlast, Flüchtlinge, Grexit, und, und, und…) birgt die Gefahr in sich, dass motivierende und damit wirtschaftsfördernde Faktoren verloren gehen“, sagte beispielsweise Susanne Christmann, Head of Group Marketing primion Technology AG aus Stetten. Und der Bürgermeister der Stadt Rheinbach, Stefan Raetz, fasste zusammen: „Weniger Resignation. Mehr Zuversicht. Mehr Vertrauen. “

Alle Unternehmer-Statements lesen Sie hier.

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