Einzelhandel: Stationäre Tradition versus digitale Innovation

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Der stationäre Einzelhandel hat schwer mit E-Commerce zu kämpfen. Um langfristig überlebensfähig zu bleiben, müssen besonders kleine und mittelständische Unternehmen jetzt schnell handeln und zusammenarbeiten. Von Günter Althaus, Präsident des MITTELSTANDSVERBUNDS und CEO der Handelskooperation ANWR GROUP.

Zugegeben: es ist nicht neu, dass mehr und mehr Menschen ihre Einkäufe per Mausklick im Internet erledigen. Selbst die frische Obst- und Gemüseabteilung eines Supermarkts ist längst digital zu erreichen. Ganz einfach vom Schreibtisch oder der Couch mit dem Smartphone, Laptop oder Tablet Lebensmittel einkaufen und nebenbei noch schnell ein paar neue Schuhe mitgekauft, selbstverständlich inklusive Lieferung bis vor die Haustür – heute ist das kein Problem mehr. Schweres Tütenschleppen, lästiges Suchen nach der passenden Größe, ausverkaufte Waren und überteuerte Parkgebühren in den Innenstädten gehören so für viele Konsumenten der Vergangenheit an. Der stationäre Handel verliert aufgrund der Konkurrenz aus dem Onlinehandel mittlerweile massiv an Attraktivität, an Umsätzen und letztendlich auch an seiner Überlebensfähigkeit. Dabei könnten alle profitieren, wenn Mittelständler mit stationärem Geschäft anfangen würden, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und auch konstruktiv und flächendeckend zusammenzuarbeiten.

Zukunftsmodell „sharing economy“

„Sharing economy“ lautet das Prinzip vor allem für Handelskooperationen. Der Mittelstand, insbesondere der stationäre Einzelhandel, steht in der Pflicht, die Herausforderungen der Digitalisierung als Chance zu nutzen und auch sich mit anderen Händlern über zusätzliche Plattformen zu vernetzen. Realtime-Verfügbarkeit ist das Zauberwort, also online darstellen, in welchem Geschäft welches Produkt jetzt gekauft werden kann. Problematisch ist jedoch, dass die Grundlagen digitalen Handelns bis heute kaum angekommen sind. So tun sich viele Händler schwer damit ihre Lagerbestände, auch mangels verfügbarer Daten und Bilder, überhaupt erst sichtbar zu machen und mit denen anderer Händler zu verknüpfen. Dem gegenüber steht die Abwärtsspirale sinkender Umsätze. Mehr als 50 Prozent aller Käufe werden schon heute im Netz vorbereitet. „Research online, purchase offline“ ist das Motto dieser Kundenschicht. Das Bewusstsein, dass die Überlebensfähigkeit der einzelnen Händler elementar von der Verwirklichung einer funktionierenden Geschäftsstrategie abhängt, die digitale Elemente sinnvoll einbindet, muss deshalb endlich ankommen. Wer den Aufsprung auf den Digitalisierungszug verpasst, wird von der weiterentwickelten Konkurrenz verdrängt oder  letztendlich geschluckt.

Mitgliedschaft im Verbund nutzen

Um die Brücke zwischen Tradition und Innovation erfolgreich zu schlagen hilft den Unternehmen ein Zusammenschluss in zumeist genossenschaftlichen Verbundgruppen, die ihre Mitglieder proaktiv bei der Vernetzung unterstützen. Händler werden zu Partnern und können die digitale Transformation gemeinsam beschreiten. Ein Verbund hilft auch dabei, neue  digitale Modelle zu testen, Firmen lernen gemeinsam aus Fehlern und nutzen neue Chancen. So ist die Weiterentwicklung des eigenen Geschäftsmodells entlang der gesamten Wertschöpfungskette für den Handel, mit Instrumenten wie z.B.  RFID (Radio Frequency Identification), gemeinsamen B2B-Plattformen von Industrie und Handel, Homepage- und Social-Media-Baukästen und intelligenten Supply-Chain-Lösungen, möglich.

 Digitalisierung ist Chefsache

Unternehmer und Geschäftsführer stehen an vorderster Handlungsfront, um die digitale Transformation in die Unternehmensstrategie zu integrieren und anzupassen. Viele Unternehmer kokettieren auch heute noch damit, auch ohne digitale Strukturen höchst erfolgreich zu sein. Ein solcher Umgang mit dem Thema oder ein Wegschieben der Verantwortung auf das IT-Personal ist höchst fahrlässig und sendet völlig falsche Signale an die Mitarbeiter. Digitale Transformation bedeutet deshalb aber keinesfalls, funktionierende, analoge Geschäftsmodelle gleich über Bord zu werfen oder ihnen den Rücken zu kehren. Vielmehr müssen digitale und analoge Strukturen sinnvoll miteinander verknüpft und in bestehende Arbeitsabläufe und die Unternehmensstrategie integriert werden, das ist Chefsache.

Gemeinsam stark – so muss das Leitmotiv der Mittelständler und Einzelhändler lauten. Doch neben einem Handeln und Umdenken der Händler sind weitere Akteure gefragt. Die Politik muss für eine faire Liberalisierung des Marktes sorgen. Knapp 40 Prozent aller Webgeschäfte werden nach Ladenschluss und an Sonntagen getätigt, wohingegen der Händler um die Ecke geschlossen hat. Chancengleichheit anstatt Wettbewerbs-beschränkung, ein eindeutiger Appell, der auch in Richtung Kartellamt geht. Denn erst wenn alle Player ihre Hausaufgaben machen könnten in Zukunft alle vom neuen Zeitalter und einem zunehmend digitalisierten Handel profitieren.

Günter Althaus istPräsident des MITTELSTANDSVERBUNDS und CEO der Handelskooperation ANWR GROUP.

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