Insolvenz im Wandel: Chance statt Stigma

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Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der deutschen Wirtschaft im Zusammenhang mit einer wirtschaftlichen Schieflage bzw. Unter­nehmenssanierungen sind im Wandel begriffen. Das im Jahr 2012 eingeführte Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) hat sich in den letzten vier Jahren in der Praxis bewährt. Jedoch werden aktuell weitergehende Ergänzungen bezüglich eines vorinsolvenzlichen Sanierungsverfahrens heiß disku­tiert. Von Dr. Rainer Bizenberger, Roland Berger.

Die Reformüberlegungen gehen auf eine Initiative der EU-Kommission als einer der Schritte bei der Schaffung der Kapitalmarktunion zurück. Nicht zuletzt nach dem Brexit-Votum in Großbritannien gewinnt dieses Thema für Deutschland an Brisanz.

Positives Fazit der gesetzlichen Neuregelungen

Vor vier Jahren, 2012, wurde das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen, kurz ESUG, mit einem klaren Ziel verabschiedet: Die Gläubigerrechte im Insolvenzverfahren sollten gestärkt, die Fortführung erleichtert werden. Die jüngsten Ergebnisse der jährlichen Studie der Heidelberger gemeinnützigen Gesellschaft für Unternehmensrestrukturierung (HgGUR) und der Unternehmens­beratung Roland Berger stellen dem Gesetz grundsätzlich ein gutes Zwischenzeugnis aus: 93% der Teilnehmer ziehen ein positives Fazit zur Umsetzung des ESUG.

Die Instrumente des ESUG haben die Erwartungen der Praktiker erfüllt. Befragt wurden 1.600 Praktiker aus verschiedenen Bereichen der Insolvenzabwicklung: Gläubiger, Insolvenzverwalter und -richter, aber auch Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater und involvierte Manager. 91% der Befragten haben z.B. Erfahrung mit der seit dem ESUG möglichen vorläufigen Eigenverwaltung gesammelt, d.h. der Weiterführung des Unter­nehmens mit dem weiterhin verantwortlichen Management unter einen eingesetzten vorläufigen Sachwalter. 88% waren an einem Schutzschirmverfahren, welches Unternehmen einen temporären Zahlungsaufschub ermöglicht, beteiligt. Zur erfolgreichen Nutzung dieser erweiterten gerichtlichen Sanierungsverfahren ist eine mög­lichst frühzeitige und professionell unterstützte Vorbereitung durch erfahrene Berater erforderlich.

Insolvenzbegriff noch immer negativ belegt

Das ESUG-Instrumentarium war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung im Hinblick auf die Akzeptanz der Insolvenz als Sanie­rungsmöglichkeit. Allerdings ist der Insolvenzbegriff noch immer negativ belegt. Dies trifft insbesondere Unternehmen mit einer Vielzahl privater Endkunden, bei denen durch das Stigma der „Insol­venz“ die Gefahr der Kaufzurückhaltung und damit der leistungswirt­schaftlichen Beeinträchtigung einhergeht. Die lebhafte Diskussion um ein mögliches vorinsolvenzliches Sanierungsverfahren zeigt das Interesse, bestehende Regelungslücken vollends zu schließen. Damit würde der „Werkzeugkasten“ der Sanierung vervollständigt und die Attraktivität der deutschen Rechtsordnung weiter gestärkt. Mit Blick auf eine europäische Initiative gibt es inzwischen in Deutschland Überlegungen zur Einführung eines vorinsolvenzlichen Sanierungs­verfahrens.

Da zu den Regelungen eines vorinsolvenzlichen Sanierungs­verfah­rens noch keine Details bekannt sind, werden unterschied­lichste Vorstellungen und Meinungen ausgetauscht. Durch die diesjährige Studie der HgGUR und Roland Berger konnte hierzu nun erstmalig ein großzahliges Stimmungsbild erhoben werden. Aus Sicht der befragten Experten ist es besonders wichtig, dass durch eine Neu­regelung die Mehrheitsbindung verbindlich wird und Minderheits­gläubiger mit Blockadehaltung (sog. Akkordstörer) eingedämmt werden können. Derzeit bedürfen nämlich außergerichtliche Ver­gleiche der Zustimmung aller betroffenen Gläubiger. Wenn auch im Ausnahmefall, so wird dadurch einzelnen Minderheitsgläubigern ermöglicht, ein Unternehmen und die anderen Gläubiger zusätzlich unter Druck zu setzen.

Schnell, flexibel und effizient verhandeln

Im Gegensatz zum europäischen Ausland fordern aber deutsche Sanierungsexperten Zugangsbeschränkungen und klare Regeln, um unkalkulierbare Risiken zu vermeiden. Zudem sollte der Eintritt in das vorinsolvenzliche Verfahren, im Gegensatz zu dem Scheme of Arrangement in Großbritannien, nur im Stadium der Existenz- oder Liquiditätskrise möglich sein. Das Verfahren sollte zur Vermeidung von leistungswirtschaftlichen Nachteilen nichtöffentlich ablaufen. Ein formaler Prozess ist für die Mehrheit der Befragten erst bei Eingriff in die Rechte Dritter bei Verabschiedung eines Sanierungsplans erfor­derlich – bis dahin sollte schnell, flexibel und effizient verhandelt wer­den können.

Wie die Gestaltungselemente eines solchen Verfahrens am Ende für Deutschland wirksam werden, hängt nicht zuletzt vom Umgang des deutschen Gesetzgebers mit der für Ende Oktober erwarteten EU-Richtlinie ab. Da Deutschland bereits im internationalen Vergleich der Restrukturierungssysteme von der Weltbank unter die besten drei Länder gewählt wurde, zeigt auch, dass Deutschland bereits ein gut funktionierendes System hat. Daher ist darauf zu achten, die Attrakti­vität des Standortes Deutschland weiter zu stärken und nicht zu ge­fährden. Schnelligkeit, Effizienz des Verfahrens und die Vermeidung des Stigmas der „Insolvenz“ können dabei Erfolgsfaktoren sein. Ent­scheidend für die nachhaltige Unternehmenssanierung bleibt aller­dings die leistungswirtschaftliche Restrukturierung, um sich den Herausforderungen des Marktes erfolgreich im Wettbewerb um den Kunden stellen zu können.

 

Dr. Rainer Bizenberger ist Senior Partner und Leiter des Berliner Büros bei der Top Management-Beratung Roland Berger. Seit mehr als 15 Jahren berät er Unternehmer und Unternehmen in Fragen der Performance-Steigerung, Transformation und der operativen/finanzwirtschaftlichen Restrukturierung. Als promovierter Kaufmann hat er seine ersten beruflichen Schritte bei der SüdwestLB (heute LBBW) mit einer Ausbildung zum Bankkaufmann unter­nommen. Neben der beratenden Rolle hat er auch die Restrukturie­rung eines international agierenden mittelständischen Unternehmens als Interimsmanager verantwortet.

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