„Integration in Israel funktioniert besser“

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Im DDW-„Ferngespräch“: Dr. Sven Dethlefs, Tel Aviv, Israel

Nach fünf Jahren als Deutschlandgeschäftsführer bei Ratiopharm wechselte der ehemalige Mc Kinsey Mann Dr. Sven Dethlefs 2013 als COO für den Bereich Produktion und Qualitätssicherung in den Mutterkonzern Teva nach Tel Aviv und verantwortet die weltweite Produktionssteuerung des Pharmariesens von Israel aus.

Herr Dr. Dethlefs, die Wirtschaftskrise scheint an Israel spurlos vorüber gegangen zu sein, es herrscht Vollbeschäftigung und die Politik diskutiert gerade über eine Senkung der aus deutscher Sicht ohnehin moderaten Steuern. Ein Paradies für Unternehmer?

Israel ist sicherlich in der luxuriösen Situation eines sich selbst tragenden Wirtschaftswachstums, da die Bevölkerung aufgrund der hohen Geburtenzahlen jedes Jahr um 2% wächst. Auf Deutschland übertragen hieße das, die Bevölkerung würde jährlich um ca. 1,6 Mio. Menschen wachsen, das ist in etwa die Einwohnerzahl der Stadt Hamburg.  Daher finden Unternehmer aus klassischen Branchen schon wegen des Wohnungsbaus ein sehr gutes Umfeld. Das Bildungssystem und die Freude am Unternehmertum steuert zudem noch Hightech Unternehmen bei, was aus Israel eine allseits gefeierte Startup-Nation gemacht hat. Israel hat mehr Venture Capital Investments als die gesamte EU. Es ist aber auch nicht alles rosig: die Verwaltung ist relativ bürokratisch und langsam, und es gibt nicht wie in Deutschland ein konstruktives Modell der betrieblichen Mitbestimmung.

Israel ist ein Einwandererstaat dessen Bewohner seit der Gründung aus über 120 Ländern kamen um sich ein besseres Leben aufzubauen. Wie funktioniert Integration in Israel und könnte wir Deutschen bei unseren aktuellen Herausforderungen von Israel lernen?

Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zu Deutschland, welche die Integration einfacher machen: die Einwanderer kommen alle aus dem gleichen kulturellen Hintergrund des Judentums, sie sind motiviert hebräisch zu lernen, und kommen um zu bleiben. Außerdem macht der dreijährige Militärdienst (für Frauen 2 Jahre) aus jedem Einwandererkind einen Israeli. Die Armee ist nicht nur ein Garant für die Existenz des Staates Israel, sondern hat auch eine große soziale Funktion. Wir müssen uns in Deutschland überlegen, was das verbindende Element mit unseren Einwanderern sein soll, denn Religion und Armee werden es nicht sein. Die Achtung des Grundgesetzes und die allgemeine Idee der Staatstreue hat in Deutschland ja eine hohe integrative Kraft, aber wie vermittelt man das einem Araber, der nie ein funktionierendes Staatswesen kennengelernt hat?

Gibt es kulturelle Eigenheiten, auf die man als Arbeitgeber besondere Rücksicht nehmen sollte?

Die Israelis sind motiviert, offen für neue Ideen und arbeiten hart. Als Arbeitgeber hat man daher hier viel Freude. Die Israelis planen weniger langfristig, sind dafür exzellent im Improvisieren. Eigentlich ist diese Kombination aus deutscher Gründlichkeit und israelischer Geschwindigkeit ideal.

Tel Aviv ist eine pulsierende Großstadt die besonders für Ihre Gegensätze bekannt ist. Wie lebt es sich dort mit Familie? 

Tel Aviv kann man gut mit Berlin vergleichen. Es ist ähnlich dynamisch, hat eine sehr reiche Kulturszene und dazu noch ausgezeichnete Restaurants und Bars. Allerdings gibt es einen großen Vorteil: Die Stadt liegt am Meer – die Sonne scheint und die Einwohner sind im Gegensatz zu den Berlinern freundlich. Da jeder Israeli sehr gut englisch spricht, kann man sich schnell integrieren. Israel ist nicht größer als Hessen und eignet es sich sehr gut für Tagesreisen. Zum See Genezareth sind es von uns aus gerade mal 90 min mit dem Auto und in der Negev Wüste ist man in zwei Stunden. Sie können sich also nach dem Frühstuck immer noch entscheiden, ob sie lieber in der Wüste oder in grünen Hügeln wandern wollen.

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