Japan ist (erfolgreich) anders

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Wir sollten Nippon nicht abschreiben, denn der Fleiß, die Disziplin und die Sparsamkeit der Bürger stabilisieren das hochverschuldete Land. Ein volkswirtschaftlich-kultureller Reisebericht von Dr. Ulrich Horstmann.

Meine Reise nach Japan im November 2017  nutzte ich u.a. für einen ‚Realitätscheck‘ der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Situation Nippons, soweit dies in der kurzen Zeit möglich war. Insbesondere interessierten mich jüngste Entwicklungen in den Bereichen Energie, Verkehr sowie der Digitalisierung der Gesellschaft.

Keine Grüne, dafür Kaiser

Zunächst einige allgemeine Japan-Informationen:

  • Die parlamentarische Erbmonarchie steht vor einer epochalen Wende. Die seit 1989 bestehende Regentschaft, die als ‚Heisei‘ bezeichnet wird und die die Amtszeit des Tenno Akihito umfasst, endet bald. So wird der Kaiser am 1. Mai 2019 mit dann 85 Jahren seinem Nachfolger Naruhito (57 Jahre) Platz machen und damit vorzeitig einen Wechsel ermöglichen. Kronprinz Naruhito wird dann wieder bis zu seinem Lebensende Kaiser sein.
  • Die Verkehrsinfrastrukturist hochentwickelt und kundenfreundlich (seit 1964 fährt der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen ohne Unfallopfer).
  • Eine ‚Überwachungsinfrastruktur‘ wie z.B. in China (vor allem in Peking) oder in London existiert nicht. Die Polizei ist Dienstleister für die Bevölkerung ohne di-rekte Regierungsaufsicht.
  • Japan strebt mit der Vision seiner ‚Society 5.0‘ eine Transformation von einer Informationsgesellschaft in eine ‚Super Smart Society‘ an. Nicht nur die Industrie steht bei dieser Digitalisierungsoffensive im Fokus, auch die Verbraucher. So werden verstärkt auch Roboter für Service- und Marketingzwecke eingesetzt.
  • Kreditkarten – allenfalls Master/Visa – sind in Japan wenig genutzte Zahlungs-mittel. Barzahlung hat Vorrang.
  • Es gibt keine Parteien, die sich nachdrücklich für Umwelt-/Naturschutz einsetzen. So ist keine ‘Grüne Partei‘ mit Breitenwirkung (‚Greens Japan‘ bleiben weitgehend bedeutungslos) vorhanden, die 68er- und die Ökologie-Bewegungen waren in Japan wenig ausgeprägt.
  • Japan hält an der kommerziellen Nutzung der Kernenergie fest – trotz der Nuk-learkatastrophe in Fukushima 2011 und der Kritik an der Betreibergesellschaft Tepco bezüglich des Krisenmanagements und der Informationspolitik.
  • Japan muss die Rohstoffknappheit ‚managen‘ wie dies in Deutschland der Fall ist.
  • Japans Staatsverschuldung ist mit einem Anteil von rd. 240% in Relation zum Bruttoinlandsprodukt im internationalen Vergleich sehr hoch.

Extrem disziplinierte Gesellschaft

Kulturell unterscheidet sich die japanische Gesellschaft viel stärker von unseren Vorstellungen als vor der Reise von mir gedacht. Insgesamt wirken die Bürger extrem diszipliniert. Dazu passt, dass sehr häufig Uniformen getragen werden – so beispielsweise auch von Schülern. Sie sind oft einheitlich gekleidet. Ihr Outfit mit einer bestimmten Mütze ist noch nicht Alles; sie stellen sich zusätzlich paarweise in einer Reihe auf,wenn es der Lehrer verlangt. (So etwas gab es in Deutschland in den 60er Jahren – vor 1968 – auch noch. In England beispielsweise ist diese Disziplin auch heute noch zu beobachten.

Reibungsloses Funktionieren ist angesichts einer solchen Disziplin und Serviceorientierung Normalität in Japan. Höfliche Rücksichtnahme untereinander und eingeübte Rituale erleichtern auch die Abläufe. So ging im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen alles sehr schnell, das disziplinierte Ein- und Aussteigen ist uns fremd. Überall ist das Personal freundlich und hilfsbereit. Fragen werden sofort von Mitarbeitern professionell beantwortet (nur bei spezielleren Fragen kann es eng werden. Unkenntnis wird verborgen, um nicht ‚das Gesicht zu verlieren‘). Der Drill dabei ist offensichtlich. Das gilt auch für Beamte, die sich engagiert einsetzen und manchmal etwas zu beflissen und überbürokratisch agieren. Nur wenn dann doch mal etwas Schwerwiegendes schiefgeht, ergeben sich Zuständigkeits- und Informationsprobleme. Pragmatische Lösungen werden in der hierarchisch aufgebauten Gesellschaft, die den Individuen weniger Raum lässt, nach den Erfahrungen meiner kurzen Reise nicht so leicht gefunden.

Nach japanischen Maßstäben ist Deutschland ein Stück weit untergegangen

Der ‚Tenno‘ ist nach wie vor ein wichtiges Symbol Japans, der vom Volk sehr verehrt wird. Man stelle sich das mal vor: Deutschland hätte noch einen identitätsstiftenden Kaiser, eine Gesellschaft ohne die strukturellen Umwälzungen seit 1968 und gleichzeitig eine hochmoderne Infrastruktur und Wirtschaft aufzuweisen. (Kaiser wäre dann übrigens z.B. der jetzige Chef des Hauses Hohenzollern, der 1976 geborene Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen). In Japan ticken die Uhren damit ganz anders als bei uns. Deutschland ist – nach japanischen Maßstäben gemessen – bereits nach dem Ersten Weltkrieg mit der Abdankung des Kaisers ein Stück weit untergegangen und weist inzwischen unter den westlichen Staaten auch kulturell keine besonderen Eigenständigkeiten mehr auf. Preußische Tugenden sind bei uns eher verpönt. Ein Nationalbewusstsein, das auch von Stolz geprägt ist, ohnehin. Andersherum kann man den Japanern vorhalten, dass sie ihre eigene Geschichte nicht so kritisch aufarbeiten wie das hierzulande der Fall ist.

Eine patriarchalische Herrschaft – bis man man hinter die Kulissen schaut

Männer dominieren im öffentlichen Leben und prägen den Arbeitsalltag. Während sie die Vorderbühne prägen, bleiben Frauen eher im Hintergrund und managen das ‚Zuhause‘ (Hinterbühne). Es gibt keine Frauenquoten wie hierzulande, Frauen sind seltener beschäftigt und werden deutlich schlechter bezahlt als Männer. Das heißt allerdings nicht, dass sie ohnmächtig sind. Im Gegenteil: Das Haushaltsgeld verwalten üblicherweise die Frauen. Die Männer sind insofern froh, wenn der Vorgesetzte für seine Mitarbeiter mal wieder eine Runde schmeißt. Sie werden angeblich nicht selten von ihren Partnern finanziell knapp gehalten. Das Bild patriarchalischer Herrschaft bekommt oft Risse, wenn man hinter die Kulissen schaut.

Serviceroboter in Japan
Verspielte Technikaffinität in Japan: Serviceroboter in einem Supermarkt in Kyoto

Schwierigkeiten, familiäre Beziehungen aufzubauen

Die disziplinierte Bevölkerung geht früh zu Bett. Ab 22 Uhr abends wird es schwierig, noch auszugehen, die Bürgersteige werden ‚hochgeklappt‘ . Dies geht wohl auch auf Kosten des Privatlebens: Der Anteil von Single-Haushalten ist extrem hoch. Die japanischen ‚Worcaholics‘ kennen oft keine Grenzen. Der berufsbezogene Tod durch Stress (Karōshi) ist kein Randphänomen. Die oft überarbeiteten Japanerhaben vielfältige Ventile, um dem Arbeitsdruck zumindest vermeintlich ‚Herr‘ zu werden. Exzessives Trinken im Kollegenkreis und der Besuch von Spielhöllen nach der Arbeit sowie das Lesen von Comics (‚Mangas‘ –u.a. mit Horror- oder Erotik-Themen) schaffen Ablenkung. Damit wären wir beim Themenbereich Sexualität, Partnerschaft und Familienbildung. Während freizügige Bilder im modernen Japan üblich sind, schaffen junge Japaner es kaum mehr, eine Beziehung aufzubauen. Sie bleiben oft allein, auch durch die wirtschaftliche Unsicherheit mit weniger sicheren Vollzeitstellen seit dem Beginn der Wirtschaftskrise in den 90er Jahren. Sie hat den Druck erhöht und für Familienbildung bleibt weniger Zeit und Geld als früher, denn nach wie vor ist der Mann der Haupternährer in einer Familie. Emanzipation ist in Japan noch ein Fremdwort.

Einwanderung kein Thema

Es gibt offensichtlich in Japan auch keine Schmierereien wie in amerikanischen oder europäischen Städten und keine nennenswerte Kriminalität. Der ethnisch und kulturell geschlossene Inselstaat muss auch den Zusammenbruch durch die Demographie bis auf Weiteres nicht fürchten (auch wenn dies in westlichen Medien immer wieder befürchtet wird und die Vorteile einer kontrollierten Einwanderung auch von Wissenschaftlern bestätigt wird. Dennoch: Japan rekrutiert seinen Führungsnachwuchs lieber aus den eigenen Reihen. Außerdem steigt die Geburtenrate inzwischen wieder). Ältere Mitbürger arbeiten auch nach der Pensionierung weiter. Taxifahrer sind zum Beispiel üblicherweise ältere Rentner, die etwas dazuverdienen wollen.

Serviceroboter ja, Überwachungssysteme nein

Nicht nur die Wirtschaft, die gesamte Gesellschaft hat weniger Berührungsängste vor menschlich wirkenden Computern als anderswo. In Supermärkten werden zum Beispiel Serviceroboter eingesetzt. Dabei zeigt sich eine freundlich verspielte Seite der Japaner. Sie mögen eher kindlich wirkende, animierte Figuren (siehe Bild von einem Serviceroboter in einem Supermarkt in Kyoto). Einen Überwachungsstaat lehnen die Japaner offensichtlich ab. So gibt es weniger Kameras an öffentlichen Plätzen (und trotzdem keine nennenswerte Kriminalität!) und das Bargeld wird fast manisch verteidigt. Kreditkartenzahlungen sind daher nur eingeschränkt möglich (relativ berechenbar ist das nur in Geschäften mit internationalem Publikum möglich). Es sind flächendeckend Bargeldwechselmaschinen vorhanden. Daher braucht man auch kein Bargeld am Geldautomaten abheben.

Nach wie vor wird auf Kernenergie gesetzt

Elektrotankstelle in Japan
Elektromobilität kaum ein Thema in Japan: Eine der wenigen Ladestationen, die von Toyota betrieben werden, aus Koya-san

Stark unterschiedlich – im Vergleich z.B. zu Deutschland – ist auch die Energiegewinnung. So sind Windkraftanlagen kaum anzutreffen. Die Solarenergie wird dagegen etwas mehr genutzt, einige Photovoltaikanlagen waren vor allem auf dem Land zu beobachten. Insgesamt ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der Gesamtversorgung noch sehr begrenzt und dürfte ca. bei lf Prozent  liegen, der Rest verteilt sich auf fossile Träger. Der Energiemix wird sich mittel- bis langfristig zu Gunsten der erneuerbaren Energieträger und auch wieder der Kernenergie verschieben.

Energieeinsparungen und der schonende Umgang mit Ressourcen stehen im Vordergrund. So gibt es Aufforderungen zum Recyceln wie bei uns, z.B. Aufrufe, Dosen wieder zurück zu geben. Im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen fand sich folgender Dosenrecylingaufruf: ‚Im Aluminium liegt die Zukunft‘. Abfalleimer sind auf den Straßen kaum anzutreffen. Der Müll wird professionell recycelt und der Rest verbrannt, um die Anzahl der Deponien gering zu halten. Im Gegensatz zur hiesigen Politik wird weniger ökologisch argumentiert, sondern eher nationalen strategischen Erwägungen Rechnung getragen.

Halb soviel Wohnfläche pro Einwohner als in Deutschland

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 und der Abschaltung der Reaktoren erfolgte eine massive Energieeinsparung, um einen Versorgungskollaps zu verhindern. Ein enorm diszipliniertes Verhalten der Bevölkerung und die traditionelle ‚Kultur des Maßhaltens‘ halfen dabei. Die Wohnfläche pro Kopf liegt in Japan bei 22,3 Quadratmetern und ist damit halb so groß wie in Deutschland. In den Großstädten verfügen die Nutzer einer Apartmentwohnung in der Regel nur über neun Quadratmeter. Wohnhochhäuser sind kein Tabu. Vor diesem Hintergrund ist die Landschaft in Japan weit weniger zersiedelt als bei uns (zumal 70 Prozent der Landmasse Gebirge ist). Tokio beansprucht mit seinen 13 Millionen Einwohnern die gleiche Fläche wie Hamburg.

In Japan konnte ich keinen so ausgeprägten Smog wie in China beobachten, allenfalls in der Nähe von Industrieanlagen. In den Hauptballungszentren Tokio und Osaka – optisch eine Mischung aus US-Großstädten und dem Ruhrgebiet, nur mit deutlich verdichteter Bebauung – war die Luftverschmutzung gefühlt weit niedriger. Dank der Hochstraßen quer durch die Städte gibt es wenig Staus. Eine solche Infrastruktur wäre hierzulande undenkbar.

Persönlicher Egoismus, der zur Schau gestellt wird, ist verpönt

Überraschend war für mich, dass im Gegensatz zu China Elektromobilität bislang kaum eine Rolle spielt. Es gibt noch relativ wenige Ladestationen, die von Toyota betrieben werden. Fahrzeuge mit Hybridantrieb sind dagegen inzwischen sehr verbreitet, ansonsten fahren die Japaner vorzugsweise umweltfreundliche und unauffällige Kleinwagen, dies passt gut zu ihrer Kultur des Maßhaltens. Dies schließt ein avantgardistisches Styling nicht aus. Voraussetzung ist eine kollektive Akzeptanz. Avantgardistisch und gleichzeitig unauffällig ist auch die Mode des Landes. Understatement und gezieltes Nicht-Auffallen stehen im Fokus. Persönlicher Egoismus, der zur Schau gestellt wird, ist einer auf Harmonie bedachten Gesellschaft, fehl am Platze. Auch rechtliche Streitigkeiten, z.B. nach einem Verkehrsunfall werden vermieden. Hier einigt man sich schnell im Konsens, niemand ‚verliert dann das Gesicht‘.

Angesichts hohen technologischen Kompetenz und Disziplin verbunden mit einem ausgeprägten Qualitätsbewusstsein ist Japan für die Zukunft gut gerüstet. Das Land wird daher derzeit zu Unrecht ins Abseits gestellt. Die hohe öffentliche Verschuldung (bei den eigenen Bürgern!) ist zwar ein extremer Makel, wird aber allem Anschein nach durch die Disziplin, den Fleiß und der Sparsamkeit der Bevölkerung mehr als aufgefangen. ‚Sie sind das Volk‘, das sich auch nicht zu sehr von einem Apparat in die Karten sehen lassen will. Das Staatsverständnis ist anders als in der Volkrepublik China. Das Riesenreich setzt verstärkt auf Überwachung und die Renaissance der Kommunistischen Partei. Japan wird als westlich orientiertes und bürgernäheres Land für Anleger, aber auch als politischer und wirtschaftlicher Partner wieder verstärkt in den Fokus rücken.

Dr. Ulrich Horstmann ist Buchautor und Publizist (aktuelles Buch: „SOS Europa“)

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