Noch nie ging es so gut!

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Diese Woche stattet das niederländische Königspaar den Bundesländern Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt einen Arbeitsbesuch ab, eine Reise mit einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Kultur, Geschichte und Wirtschaft. Flankiert wird der Königliche Besuch von einer großen Wirtschaftsdelegation mit vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus den Bereichen Hochwassermanagement, Photonik und Chemie. Das spiegelt die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland wider. Von Dr. Guido G.A. Biessen.

 

Das Königspaar ist sich dessen sehr bewusst und fördert die Beziehungen unserer beiden Länder, indem es jedes Jahr ein oder mehrere Bundesländer besucht. Die gute Zusammenarbeit sehen wir auf vielen Terrains. Wir haben eine intensive Kooperation im Verteidigungsbereich, wir haben einen regen Austausch in Kultur, wir arbeiten zusammen im Energiesektor. Auf politischer Ebene wissen deutsche und niederländische Minister einander zu finden und die Auffassungen zur europäischen Integration, zum Brexit, zur Vertiefung der Währungsunion, zum Thema Migration, gehen meistens nicht weit auseinander. Noch nie ging es so gut!

Die Reise Willem-Alexanders and Königin Máxima führt das Königspaar zu verschiedenen Stationen in den neuen Bundesländern. Im Bild oben spricht Willem-Alexander anläßlich des Besuchs in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Wenn Deutschland niest, sind die Niederlande erkältet

Die Volkswirtschaften unserer beiden Länder zeigen – wie es des Öfteren der Fall ist – eine ähnliche Entwicklung auf.Innerhalb der EU verzeichnen wir ein relativ hohes Wachstum von etwa 2 Prozent. Dieses Wachstum wird breit getragen, wobei die Steigerung des privaten Konsums auf unseren jeweiligen Binnenmärkten der wichtigste Pfeiler ist. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden tragen Investitionen zum Wachstum bei, allerdings sind diese im historischen Vergleich recht niedrig. Die Steigerung der Produktivität ist somit eine Herausforderung. Die Arbeitslosenquote sinkt. Beide Länder, Deutschland schon etwas länger als die Niederlande, weisen einen ausgeglichenen Staatshaushalt auf. Beide Länder verzeichnen einen hohen Leistungsbilanzüberschuss. Und wir wissen es: Wenn Deutschland niest, sind die Niederlande erkältet. Es ist darum für die Niederlande äußerst relevant, die Wirtschaftsentwicklungen in Deutschland zu verfolgen und richtig zu deuten. Eine sinkende Konjunktur in Deutschland hat ziemlich rasch Konsequenzen für die niederländische Wirtschaft.

„Für alle niederländischen Sektoren hat der deutsche Markt Priorität“

Die offene Volkswirtschaft der Niederlande stellt einen wichtigen Zulieferer von Gütern innerhalb Europas dar, vor allem für Deutschland. Was den Handel mit Gütern betrifft, ist es natürlich hinreichend bekannt, dass Deutschland seit vielen Jahren die mit Abstand wichtigste Bestimmung für niederländische Exporte ist und dass Rotterdam quasi Deutschlands größter Hafen ist! Rund 25 Prozent der Güterexporte gehen nach Deutschland, in absoluten Zahlen ausgedrückt sind das fast 100 Milliarden Euro. Nahezu 40 Prozent des Gesamtexportes Richtung Deutschland gehen nach Nordrhein-Westfalen, mit einem Warenwert von rund 37 Milliarden Euro. Das ist mehr als die Niederlande nach ganz Frankreich exportieren. Aus deutscher Perspektive sind die Niederlande – nach China – der wichtigste Lieferant von Waren: Gut 9 Prozent der deutschen Importe kommen aus den Niederlanden. Bezüglich der Handelsstruktur ist es evident, dass für alle niederländischen Sektoren der deutsche Markt Priorität hat; von der Landwirtschaft bis zur Hightech-Branche, von der Logistik bis zum Kreativen Sektor.

Noch viele beiderseits sich bietende Chancen

Aber dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Niederlande exportieren viel relativ wenigeDienstleistungen nach Deutschland. Vom weltweiten Dienstleistungsexport in Höhe von 160 Milliarden gehen gerade einmal 10 Prozent nach Deutschland. Die meisten Dienstleistungen betreffen den Logistiksektor. Das hat mehrere Ursachen. Deutschland ist vor allem ein Industriestandort. Außerdem sind Dienstleistungen schwieriger zu vermarkten, denn dabei spielen kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren eine wichtigere Rolle. Aber noch wesentlicher: Institutionelle Unterschiede sorgen dafür, dass der Binnenmarkt für Dienstleistungen viel weniger gut funktioniert als der für Güter. Das ist bedauerlich, denn wir nehmen beiderseits die sich bietenden Chancen nicht wahr. Die niederländische EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres hat den Dienstleistungsmarkt in den Fokus gerückt und inzwischen hat die Europäische Kommission einige Vorschläge zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Dienstleistungen lanciert, beispielsweise die Einführung eines „Dienstleistungspasses“ für bestimmte Branchen, die Beurteilung der Proportionalität der nationalen Gesetzgebung zu Berufsqualifikationen und eine verbesserte Notifikation vom Konzept nationale Gesetzgebung zu Dienstleistungen. Deutschland ist allerdings im Hinblick auf die unterbreiteten Vorschläge zur Liberalisierung des Dienstleistungsmarktes noch recht vorsichtig. So werden Chancen nicht ergriffen.

„Wenn alles gut läuft, dann müssen wir uns fragen, was wir gegebenenfalls übersehen“

Die Digitalisierung wurde auch von Deutschland zu einem Schwerpunkt erklärt. Auf diesem Terrain ist das Land kein Spitzenreiter. In der Diskussion über Digitalisierung schweift man ziemlich schnell ab in Richtung Industrie 4.0. Selbstverständlich ist es wichtig, die Produktion mit digitaler Technikweiter zu rationalisieren. Aber es geht auch um andere Geschäftsmodelle, denken wir nur an digitale Plattformen und Sharing Economy. Die deutsche Debatte über Online-Versandapotheken und das eventuelle Verbot derselben ist in diesem Zusammenhang frappant.

Wenn alles gut läuft, dann müssen wir uns fragen, was wir gegebenenfalls übersehen. Die deutsch-niederländischen Beziehungen sind ausgezeichnet, aber was den Dienstleistungssektor betrifft, die grenzüberschreitende Arbeit und die Digitalisierung,so sind das Themen, die unseren guten Beziehungen einen weiteren positiven Impuls geben können.

Dr. Guido G.A. Biessen, Gesandter, ist der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Botschaft des Königreichs der Niederlande

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