Kostenlos 4.0 – Der Siegeszug des modernen Sozialismus

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Ein moderner Sozialismus feiert fröhliche Urständ, der das Prinzip des alten übernommen hat: Wir produzieren Wohlstand und verteilen ihn kostenlos. Nur, was im realen Sozialismus nicht funktioniert, funktioniert auch im modernen nicht – wenn auch aus anderen Gründen. Ein Essay von Florian Josef Hoffmann.

„Straßenfeger“ hießen einst die Fernseh-Krimis die die Nation von der Straße holten. Das waren die Geburtsstunden der Bildschirmabhängigkeit, das Ende der Langeweile in der Provinz. Das Theater, der Film , das Sportereignis, das politische Ereignis erreichte via „Fernsehturm“ nicht ganz den letzten Winkel der Republik, später mit den Satelliten dann doch den letzten. Den zweite Schub der Beseitigung der Langeweile in der Provinz brachte das Internet 1.0, die ad hoc „Einzelverbindung-zu-jedem“, der eMail sei Dank. Die eigentliche Revolution brachte das Internet 2.0, die „Jeder-mit-allen-Verbindung“, wodurch jeder aktiver Kommunikator werden konnte, also Konkurrent von Zeitung und Fernsehen. Schön und gut, aber: Die Aktivierung des Nutzers, sein Stellenwechsel von der Passivseite zur Aktivseite, hat und hatte eine Folge, die bis heute unbewältigt ist: Die De-Kommerzialisierung durch die Kostenlos-Gesellschaft. Denn der allgegenwärtige Slogan von der Industrie 4.0 hat sein Pendant in Kostenlos 4.0.

„Die Bombe platze zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Plötzlich gab es Google, das Tor zur Welt, kostenlos, und Wikipedia, das Wissen der Welt, kostenlos, und Facebook, die Gesinnungskommune, kostenlos und WhatsApp, die Kommunikation mit Sprache, Bildern und Texten, kostenlos“

Während heute alles andere dem Kommerz zustrebt, das Bildungssystem (Stichwort: Leistungsgesellschaft) in dem die vermarktbare Leistung den alleinigen Maßstab liefert und nicht die Bildung des Menschen zu einer intellektuellen Gesamtheit, oder das Verkehrssystem (Stichworte: Maut, Parkhaus), das keine freie Bewegung mehr zulässt, gibt es technologisch die entkommerzialisierende Gegenbewegung. Der Internet-Nutzer bewegt sich im globalen Netz nicht anders als der Fahrradfahrer oder der Autofahrer im ländlichen Raum: Das Fahren und Parken ist kostenlos. Hier dringt etwas vorwärts, was eigentlich in der komprimierten Gesellschaft der Innenstadt, also der Welt der hohen Mieten, der teuren Parkplätze, keinen Platz hat: Die Kostenlos-Gesellschaft, vermutlich allerdings die natürliche Lebensweise, die dem Menschen am liebsten ist.

Kostenlos ist den Menschen am liebsten

Am Liebsten? Jawohl am Liebsten. Niemand liebt die Wegelagerer die Mautstellen im Ausland, die man auf deutschen Autobahnen bisher nicht eingerichtet hat. Im Ausland nimmt man sie als gottgegeben hin, aber der inländische Verkehr kennt noch die totale Freiheit – sieht man von der LKW-Maut auf Autobahnen ab. Um den Stand heute zu begreifen, ist der Blick zurück unabdingbar. Also, wie kam’s zur Ausbreitung der Kostenlos-Gesellschaft?

Die Bombe platze zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Plötzlich gab es Google, das Tor zur Welt, kostenlos, und Wikipedia, das Wissen der Welt, kostenlos, und Facebook, die Gesinnungskommune, kostenlos und WhatsApp, die Kommunikation mit Sprache, Bildern und Texten, kostenlos. Ich gewinne in Facebook „Freunde“, die so denken wie ich. Ich „poste“ meine Meinung. Kostenlos. Ich lese, was andere denken und was andere gelesen haben. Kostenlos. Und die „Kostenlos-Anbieter“ jagen an die Spitze der „Charts“, der Aktienbörsen und löst dort die Gewinner der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die automatisierte Industrie, ab.

Für die Kostenlos-Anbieter waren die Hindernisse beim Zugang zur „Kostenlos-Gesellschaft“ – das sind wir alle – niedrig. Der Rechner zuhause war beim User eh schon vorhanden. Der Download des Browsers fürs Internet war – kostenlos. Das Handy zum Telefonieren wird eh schon alle zwei Jahre ausgetauscht. Der Sprung zum Smartphone war – finanziell gesehen – ein Katzensprung, die Mehrkosten werden im Rahmen einer Flat-Rate aufgefangen. Das einzelne Gespräch ist kostenlos, zugegebenermaßen nicht ganz, wenn man die Kosten der Flatrate umlegt, aber für den Ökonomen ist die Sache klar: Die Grenzkosten des zusätzlich geführten Gesprächs, also die zusätzlichen Kosten je Telefonat oder je Zugriff auf das Word-Wide-Web sind Null. Also kostenlos.

„Wer kostenlos Bestellungen einsackt, hat einen Kostenvorteil, der nicht zu unterbieten ist“

Als nächstes schlagen die sogenannten Marktgesetze durch, allen voran die Effizienz. Wer kostenlos Bestellungen einsackt, hat einen Kostenvorteil, der nicht zu unterbieten ist. Amazon bezahlt für seinen „Laden“, seine Internet-Plattform, keine Miete – oder kaum Miete, wenn man es genau nehmen will. Millionen Kunden betreten jeden Tag den Laden „Amazon“, für den Amazon praktisch keine Miete bezahlt, im Vergleich zu einem normalen Buchladen gerade mal die Stromrechnung für die Beleuchtung und die Kasse. Mehr nicht. Amazon macht den anderen Buchläden der Welt dafür das Licht aus. Der Konkurrenzvorteil ist gigantisch. Amazon ist „first mover“ und gewinnt. „The winner takes it all“ sagt man dazu in Amerika.

Verlierer ist die Restgesellschaft, sind alle die, die von und in der gebremsten Gesellschaft gelebt haben, in der Gesellschaft der Privilegierten, in der nicht alles sofort und in time zur Verfügung stand, dafür aber qualifiziertes Personal den Laden mit Produkten ausstattete, auf einen wartete, einen freundlich begrüßte und bereitwillig Auskunft gab. Die ineffiziente „gebremste Gesellschaft“ wird jetzt abgelöst durch eine Gesellschaft, in der ungelernte „Picker“ bis zum Umfallen durch Regalstraßen jagen und in der hochgebildete Turnschuhunternehmer auf dem Fahrrad, auf dem Roller oder im Smart kleine Päckchen durch die Stadt transportieren. Die Effizienz siegt über die Privilegien, die Ungebildeten über die Gebildeten, das billige Produkt über die Servicequalität und oft auch über die Produktqualität.

Weshalb wird alles kostenlos?

Doch weshalb ist das so, weshalb ist alles kostenlos? Weshalb gewinnt Uber gegen die Taxiwelt, Airbnb gegen die Hotelwelt, das Internet gegen die Zeitung, die Internet-Plattform gegen den Einzelhandel, WhatsApp gegen die SMS (und Instagram gegen Facebook)? Die Antwort lautet: Der gemeinsame Nenner für alle Entwicklungen ist die Technologie. Die vierte industrielle Revolution ist die vierte technologische Revolution und die vierte gesellschaftliche Revolution.

Die erste technologische Revolution wurde durch die Dampfmaschine ausgelöst und die Kohle. Sie beschleunigte mit Macht die traditionellen Arbeitsgänge und beschleunigte – per Eisenbahn – den reisenden Menschen. Die gesellschaftlichen Umwälzungen waren so gravierend und ihre geistige Verarbeitung teilweise so stümperhaft, dass die Schnappsidee eines intelligenten Journalisten aus Trier – „wir organisieren die Wirtschaft ohne Markt und ohne Geld“ – in der Lage war, im 20. Jahrhundert einen ganzen Kontinent, Russland, achtzig Jahre lang abzubremsen und zu unterdrücken, nachdem der richtige Weg, „Der Dritte Weg“, durch die Weltkriege in die Bedeutungslosigkeit verdrängt worden war.

Die zweite technologische Revolution war auch die zweite industrielle. Der Mensch befreite sich von der Schiene, vom Schaffner und vom Fahrplan und fuhr „auto“, also selbst. Das 20. Jahrhundert war das Öl-Zeitalter. Während die Gesellschaft der Selbstfahrer (Auto-Fahrer) die westlichen Gesellschaften eroberten, blieben die irregeleiteten kommunistischen Weltstaaten achtzig Jahre zurück, um später umso schneller aufzuholen (China). Die zweite industrielle Revolution erfand die Massenproduktion von Konsumgütern und Massenwohlstand und Massenarbeitslosigkeit als gesellschaftliche Phänomene. Eine geistige Bewältigung der Entwicklung gelang dem genialen Ökonomen John Meynards Keynes allerdings nur mehr als schlecht als recht. Sein makroökonomischer Traum platzte mit der bis heute unbewältigten Finanzkrise 2008/2009.

„Die vierte technologische und industrielle Revolution, die Kostenlos-Wirtschaft 4.0, verschärft die sozialen Spannungen“

Eine dritte technologische Revolution gelang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die systematische Automation der Fertigung, die den Menschen endgültig von der industriellen Schwerarbeit befreite – jedenfalls in den Industrieländern, nicht jedoch in den ärmeren Ländern. In ihnen erzeugte der Wettbewerb mit den preiswerten Industrieprodukten im globalen Wettbewerb im ersten Schritt erst mal vorwiegend Armut, Entwurzelung. Das verkehrte sich allerdings dort ins Positive, wo wertvolle Rohstoffe für die Industrie der westlichen Welt abgebaut werden konnten und noch mehr als die ärmeren Länder im Rahmen des globalen Freihandels (Gatt/WTO) als Produktionsstätten entdeckt und dort große Fabrikhallen gebaut wurden.

Für ein paar Dekaden stieg der globale Wohlstand – allerdings genau dort nicht, wo er erfunden worden war, in den USA. Der Mangel an gesellschaftstheoretischer Erkenntnis und im Beharren auf geistige Führung der liberalen Chicago Fellows, fiel dort der Wohlstand trotz wachsender Umsätze zurück. Der Grund ist einfach: Es gibt im liberalen Modell nur den Markt als Verteilungssystem für die Einkommen. Dieses System kennt die Effizienz des Tauschs Geld gegen Ware: Ihm fehlt das soziale Gewissen komplett, weshalb sich die Verteilung der Einkommen allein nach Marktgesetzen richtet. Der Tüchtigere gewinnt, der Schwächere scheidet aus. Das System erzeugt eine Zweiklassengesellschaft der Gewinner und Verlierer, weshalb sich seit Jahrzehnten die Einkommensschere öffnet.

Die verschärften sozialen Spannungen

Auf diese Situation trifft heute die vierte technologische und industrielle Revolution, die Kostenlos-Wirtschaft 4.0, und verschärft die sozialen Spannungen. Neu ökonomische Konzepte? Fehlanzeige. Der anglo-amerikanische Liberalismus Adam-Smith’scher Prägung dominiert die Welt der Wissenschaft. Neoklassiker und Spieltheoretiker kassieren die Nobelpreise, obwohl alle Welt die miserable Entwicklung des US-Casino- und Raubtierkapitalismus erkennt und verachtet.

Anderes gilt für Deutschland, dem es gelingt, sich von allen Ökonomien dieser Welt abzukoppeln und weiterhin Lokomotive der Weltwirtschaft zu spielen. Kein Wunder, denn in Deutschland war der Liberalismus schon zur Kaiserzeit überwunden und durch „Den Dritten Weg“ ersetzt worden, also eben nicht den Sozialismus und eben nicht den reinen Marktliberalismus/Kapitalismus, sondern eine solidarisch-christlich geprägte Zwischenlösung. Die Rezepte des Dritten Weges überdauerten Weimarer Republik und NS-Zeit. Sie bildeten die ökonomische Basis der Bonner Republik, jawohl der Bonner Republik! Das Etikett „Soziale Marktwirtschaft“, von den Ordoliberalen in der Nachkriegszeit darüber geklebt, war nur ein eleganter Schachzug Ludwig Erhards, um nach 1945 die ungeliebte Vergangenheit vergessen zu machen. Erst durch die Dominanz Brüssels und die Berliner Republik ist „Der dritte Weg“ heute tendenziell dabei, auch aus Deutschland vertrieben zu werden. Typisches Zeichen ist die systematische Schwächung der Verbändewirtschaft, des Rückrates unseres industriellen Wohlstandes.

„Der Glaube an den Wettbewerb übertüncht die Tatsache, dass es keinen Markt ohne Knappheit gibt und Technologie nicht knapp ist“

Noch viel schwieriger ist der Blick nach vorne. Wie leicht hatte es der Ökonom und Technologie-Visionär Friedrich List vor fast zweihundert Jahren, als er für die Umsetzung der neuen Erfindungen in neuen Industrien plädierte, als er ein goldenes Zeitalter vorhersagte und tatkräftig an seiner Entstehung mitwirkte. Er baute die erste deutsche Überlandeisenbahn zwischen Leipzig und Dresden, entwickelte unser Eisenbahnnetz – für ganz Deutschland -, gründete in Frankfurt den Vorgänger des BDI, den Bundesverbandes der Deutschen Industrie, und setzte politisch den „Zollverein“ durch, d. h. den Wegfall der deutschen Binnengrenzen und zugleich den Schutz vor der übermächtigen englischen Industrie durch erhöhte Zölle.

Und heute? Alles ist getan, entwickelt, implementiert. Alles ist möglich, aber das ökonomische Konzept fehlt. Liberale Wachstumsstrategien fristen ihr gefährliches Dasein, weil sie die Endlichkeit der Ressourcen, die Endlichkeit der Welt ignorieren. Ihr Glaube an den Wettbewerb übertüncht die Tatsache, dass es keinen Markt ohne Knappheit gibt und Technologie nicht knapp ist. Neue Technologien waren natürlicherweise knapp, als es riesiger stählerner Kolosse bedurfte, um Eisenbahnzüge durch die Regionen zu ziehen, sie waren knapp, als neue Regionen nur mit Unmengen an Schienen- und Baumaterial für Brücken und Trassen erschlossen werden konnten. Die neue Technologien waren knapp, als der Transport von Daten in den Bürobauten ellenlanger Kupferleitungen und großer EDV-Systeme bedurfte, sie waren knapp, als die Luftfahrtindustrie noch keine Mega-Flughäfen und Jumbos kannte.

Digitalisierung kennt keine Knappheit

Diese Knappheit ist zu Ende. Die Industriekapazitäten und die Exploration terrestrischer Ressourcen hat dafür gesorgt. Eine neue Knappheit ist nicht in Sicht, denn Digitalisierung kennt keine Knappheit, sieht man von „seltenen Erden“ als Baumaterial für Handys ab, die – anders als ihr Name sagt – überhaupt nicht selten sind. Digitalisierung geht durch die Luft. Unendliche Datenmengen, Megabyte, Gigabyte, werden auf gar nicht so knappen Wellenlängen substanzlos durch die Luft transportiert, sind allgegenwärtig, allzeit verfügbar, für jeden, der ein Smartphone in der Hand hält. Und alles ist kostenlos, sieht man mal von dem einen knappen Euro ab, den der Strom und der Service der Service der Telefongesellschaften einen Jeden jeden Tag kostet.

„Was im realen Sozialismus nicht funktioniert, funktioniert auch im modernen nicht – wenn auch aus anderen Gründen“

Märkte leben vom Geld. Bei „kostenlos“ gibt es keinen Geldfluss. Die Sekundärverwertung unserer Nutzerdaten bringt nur noch den Konzernen Geld, die ihren Service sonst verschenken. Darin wurden sie binnen einem Jahrzehnt Weltmeister, versammelt im Silicon Valley. In der neuen Wirtschaft hat die Marktwirtschaft ausgedient. Ein moderner Sozialismus feiert fröhliche Urständ, der das Prinzip des alten übernommen hat: Wir produzieren Wohlstand und verteilen ihn kostenlos.

Nur, was im realen Sozialismus nicht funktioniert, funktioniert auch im modernen nicht – wenn auch aus anderen Gründen: Im realen Sozialismus gibt es gar keine Marktwirtschaft mehr, die der wichtigen Aufgabe nachkommt, die Güter entsprechend ihrer Nachfrage zu verteilen. Das führt zur Verarmung. Im modernen Sozialismus gibt es diese Marktwirtschaft noch. Und sie verteilt weiter fleißig weiter an die, die noch nicht Opfer der Kostenlos-Verteilung geworden sind, also die überreichen Kostenlos-Anbieter (siehe die reichen Angestellten im Silicon Valley) und sie verteilt weiter fleißig an die, die noch nicht von der Kostenlos-Verteilung erfasst wurden. Das sind allerdings immer weniger. Die neue Armut breitet sich neben dem neuen Reichtum aus. Christoph Keese hat in seinem Wunderbaren Buch „Silicon Valley“, eindringlich beschrieben, wie die Scheiben der allmorgentlichen Busse schwarz verklebt sind, damit sie von den draußen Gebliebenen nicht gesehen werden.

Was bedeutet: Der moderne Sozialismus liefert eine wichtige Komponente für das Öffnen der Einkommensschere. Es gibt vielleicht noch andere Komponenten, dennoch meine ich, eine Aufhebung des gesetzlichen Kartellverbots könnte den Kostenlos-Trend brechen und der Knappheit und den Märkten wieder Raum schaffen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Florian Josef Hoffmann, Rechtsanwalt, Publizist und Sozialphilosoph, ist Leiter des European Trust Institute. Sein neues Buch erschien in diesem Monat bei Globethics.net: „Reichtum der Welt – für Alle (Durch Wohlstand zur Freiheit)“, ISBN 978-2-88931

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