Unternehmen brauchen Strategie – aber für welche Zukunft ?

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Gabor Steingart ist für Themen der Wirtschaft erste Adresse: Herausgeber des Handelsblatts und Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt. Sein Oktober 2016 erschienenes Buch „Weltbeben“ enthält einige für Führungskräfte vielleicht unbequeme, aber wichtige Aussagen. Eine Buchkritik.

Gabor Steingart beschreibt das Thema „Woher – Wohin?“ in einer unglaublich präzisen und leicht lesbaren Überblicks-Schau auf die Kräfte, die unsere deutsche Politik und Wirtschaft ergriffen haben. Er tut das, was die Strategen der Wirtschaft am meisten fürchten: er zeigt die neuen dominanten Kräfte, die unsere Demokratie und unsere Wirtschaft neu gestalten. Steingart zeigt auf, wie die etablierten Eliten wie Banken, Industrie und Politik schon viel ihrer Gestaltungsmacht verloren haben  –  und immer schneller noch weiter verlieren. Er zeigt, dass wir alle einen im Detail nicht prognostizierbaren massiven Wandel vor uns haben  –  ohne, dass wir die Macht der alten Steuerungen haben.

Klassisch betriebswirtschaftlich gesprochen: das für alle Zukunftspläne so geliebte „ceteris paribus“-Prinzip („so weiter in der Welt, wie gehabt“) wird immer weicher und unzuverlässiger. Steingart leuchtet dazu acht Schlüssel-Einflussbereiche aus, die immer größere Neugestaltungen unserer politischen und wirtschaftlichen Realität bringen werden  –  ob die bisher Führenden dies nun mögen oder nicht. Er betrachtet acht große Einflussfaktoren: Amerika, Europa, Terrorismus, Finanzmarkt, Digitalisierung, Populismus und die anstehenden Wandlungen unserer Demokratie.

Ein wenig wirkt auf mich das, was Steingart schreibt, wie die 95 Thesen, die Martin Luther an die Kirchentür schlug: Eine Herausforderung der Denkweisen und Lebenswahrheiten des Establishments. Dazu einige dieser radikalen Thesen-Aussagen im Kurzzitat:

Zum Kapitalismus:

  • Verlust von Mass und Mitte
  • das Wölfische des Manchester Kapitalismus ist in unsere Wirtschaft zurück gekehrt
  • in den Prognosen gibt es keine Rezessionen, Dellen. In der Wirklichkeit aber taucht beides pausenlos auf.

Zum Finanzmarkt:

  • Die unheilige Allianz von Banken und Staaten
  • Die weitgehend unregulierte Globalisierung richtete vor allem im unteren Drittel der Gesellschaft Verwüstungen an
  • Derweil die Politiker von „Krisenbewältigung“ sprechen, wird bereits die nächste Weltfinanzkrise vorbereitet.

Zur Digitalisierung:

  • das Gespenst der Nutzlosigkeit
  • Die Leute brauchen keine Einkommensstudie, um festzustellen, dass ihr Wohlstand schwindet
  • Industrie 4.0 bedeutet für viele Menschen eine im Namen des Fortschritts durchgeführte Erniedrigung.

Diese Aussagen sind für sehr viele Führungskräfte unbequem. Aber Steingarts Aussagen deswegen als Defätismus oder Kommunismus abzutun, hilft bei den strategischen Positionierungen und Entscheidungen der Unternehmen nicht weiter. Zumal der Autor auch eine erfreuliche Botschaft hat: Er sieht eine neue –  sanfte, aber unwiderstehliche  –  Revolution des Bürgertums; eine nicht-kriegerische Revolution des sich neu formierenden Bürgertums, in der Mitgefühl,  Kommunikation, Mass und Mitte zentrale Werte sind. Gabor Steingart zitiert Willy Brandt: „Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig damit an“.

 

Frank Peschanel

Professor (em. US) Dr. Dr. Frank Peschanel baute als geschäftsführender Gesellschafter ein Software- und Studienhaus mit 100 Mitarbeiter auf, ehe er in Consulting, Coaching, Speaking und als Autor in die Laufbahn eines amerikanischen Management Professors wechselte. Mit seinem weiten Blickwinkel als Physiker, Ökonom und Psychologe mit viel Auslandserfahrung hat er den Schwerpunkt seiner Beratung auf ganzheitliche und Menschen bezogene Unternehmensinnovation und Managementberatung gelegt. In seiner Kolumne greift er jeden ersten Freitag im Monat entsprrechende Themen auf. Schreiben Sie Frank Peschanel

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