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Deutsche Außenhandelsstrategie bedarf einer Umstellung
Die anhaltenden geopolitischen Spannungen, protektionistische Tendenzen und geschwächte Institutionen wie die WTO führen zu einer De-Globalisierung. Deutschland muss seine Außenhandelsstrategien umstellen. Welche den größten Erfolg verspricht.
Will Deutschland nicht an wirtschaftlicher Kraft im Zuge der De-Globalisierung verlieren, muss es seine Außenhandelsstrategien umstellen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie „Wertschöpfungsketten, Geopolitik, Transformation – Herausforderungen für das deutsche Geschäftsmodell“, die die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. vorgestellt hat.
Die anhaltenden geopolitischen Spannungen, protektionistische Tendenzen und geschwächte Institutionen wie die WTO führen der Studie zufolge zu einer De-Globalisierung. Spiegelbildlich zum schleichenden Bedeutungsverlust des Multilateralismus hat die Zahl und Bedeutung von bilateralen und regionalen Handelsabkommen zugenommen. So zählt die WTO mittlerweile über 360 regionale Handelsabkommen. Zum Vergleich: 2010 waren es 211, 1990 sogar nur 22. „Leider geht es in der EU aber gerade nicht weiter mit Freihandelsabkommen. Diese wären aber wichtig, damit Europa nicht den Anschluss verliert“, sagte vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.
Ein De-Coupling würde die Wertschöpfungsnetzwerke massiv stören
Die Folgen einer De-Globalisierung für Deutschland werden weitreichend sein: Der Export ist für ein Drittel der Wertschöpfung in Deutschland verantwortlich. Umgerechnet auf die Arbeitsplatzzahl bedeutet dies, dass knapp elf Millionen Erwerbstätige für den Export produzieren. Der Export betrifft damit jeden vierten Arbeitsplatz. „Diese Wertschöpfung steht bei fortschreitender De-Globalisierung in Frage, es wären erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen spürbar. Da eine Revitalisierung der multilateralen globalen Zusammenarbeit unwahrscheinlich ist, müssen wir unsere Außenhandelsstrategie umstellen“, mahnt Brossardt.
Ein De-Coupling, also die Trennung von Volkswirtschaften, die als geopolitische Gegner gelten, hätte der Studie zufolge weitreichende unmittelbare Konsequenzen und würde die Wertschöpfungsnetzwerke in Europa und weltweit massiv stören. Die großflächige Rückverlagerung ausländischer Produktionsstätten inländischer Unternehmen – im Wege eines Re-Shoring, Near-Shoring oder Friend-Shoring – reduziert zwar geopolitische Gefahren und Unwägbarkeiten beim Transport.
De-Risking-Strategie wäre kalkulierbar
Nachteilig wirkt sich aber aus, dass sich Unternehmen bei ihren Produktions- und Beschaffungsstrukturen stark einschränken müssten. Anders als bisher würden Unternehmen nicht mehr vorrangig auf jenen Märkten produzieren und einkaufen, auf denen das beste Verhältnis von Qualität und Preis besteht.
Den größten Erfolg verspricht der Studie nach die Strategie des De-Risking, also der Reduzierung von Abhängigkeiten durch eine Diversifizierung der Absatzmärkte und Lieferketten. Dies vermeidet eine vollständige Abkehr von den globalen Liefer- und Wertschöpfungsnetzwerken, trägt aber der gestiegenen geopolitischen Unsicherheit durch eine Risikostreuung Rechnung. Gerade bei den Beschaffungsmärkten sieht die vbw gute Chancen durch eine De-Risking-Strategie. „In fast allen Vorproduktkategorien gibt es auch jenseits der aktuellen Beschaffungsmärkte alternative Lieferländer. Die Abhängigkeit von einzelnen Märkten und den damit verbundenen Risiken wird damit besser kalkulierbar“, sagte Brossardt.
Gewinner der Globalisierung
Die Studie verdeutlicht zudem, dass Deutschland einer der Gewinner der Globalisierung ist. Ihr zufolge wäre die deutsche Volkswirtschaft in den Jahren 1990 bis 2018 ohne zunehmende Globalisierung jedes Jahr um durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte langsamer gewachsen. Damit war im betrachteten Zeitraum im Durch-schnitt über ein Fünftel des gesamten Wirtschaftswachstums je Einwohner in Deutschland auf die fortschreitende Vernetzung mit der Welt zurückzuführen.
Auch der Einzelne hat in Deutschland stark von der Globalisierung profitiert. So hätte das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Jahr 2018 ohne den Globalisierungsschub in den 1990er- und 2000er-Jahren um mehr als 1.100 Euro pro Kopf und Jahr niedriger gelegen. In nur wenigen anderen Ländern lag der durchschnittliche individuelle Globalisierungsgewinn höher. In den USA, Großbritannien und Frankreich lag der Wert mit 450 bis 620 Euro pro Kopf und Jahr deutlich niedriger.
Die vollständige Studie steht hier zum Download
- „Wir erleben eine neue Aufstellung der Wertschöpfungsketten“
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