Ehemaliger Greenpeace-Chef rechnet mit Entwicklungshilfe ab
In seiner Autobiografie rechnet Thilo Bode, den viele als Greenpeace- und foodwatch-Chef kennen, radikal mit der Entwicklungshilfe ab.
Von Dr. Dr. Rainer Zitelmann
Thilo Bode kennen viele, weil er zwölf Jahre Geschäftsführer von Greenpeace und später Gründer und Direktor von foodwatch war. Jetzt hat er seine Autobiografie vorgelegt: „Resist! Aufruf zum Widerstand. Erinnerungen eines politischen Aktivisten“ (DVA). Bode hat als Entwicklungshelfer begonnen und war elf Jahre in verschiedenen Ländern aktiv – in Tunesien, Marokko, Mali, Burkina Faso und anderen Ländern, wo er für die KfW, die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und andere Organisationen tätig war. Ich habe großen Respekt, weil er, ein bekennender Linker, sich schonungslos selbstkritisch mit diesem Teil seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Beim Verfassen seiner Biografie stellte er sich selbst die Frage, ob seine Arbeit in der Entwicklungshilfe – und ganz grundsätzlich das, was man heute „Entwicklungszusammenarbeit“ nennt – wirklich geholfen hat oder nutzlos war oder vielleicht sogar eher geschadet hat.
„Im Inland ein Würstchen, im Ausland ein Fürstchen“
Er sei in den ersten Jahren „abenteuerlich naiv“ (S. 16) gewesen, erst später habe er erkannt, „dass Entwicklungshilfe nicht wirklich zur Überwindung der Armut beitragen kann“, zumindest nicht, solange die Machtverhältnisse des jeweiligen Landes es nicht zuließen (S. 17). Zunächst einmal: Als Entwicklungshelfer lebt es sich gut: „Unter uns Entwicklungshelfern gab es den Spruch: ‚Im Inland ein Würstchen, im Ausland ein Fürstchen.‘“ (S. 23).
In Somalia sollte er Nomaden zu Fischern umschulen und wunderte sich, dass der Minister in dem damals sozialistischen Land den Vertrag umgehend mit seinem Daumenabdruck genehmigte und dann – auf seinen Koffer deutend – fragte, ob darin das Geld für das Projekt sei. „Das war es nicht. Trotzdem steht zu vermuten, dass zumindest ein Teil der dann regulär ausgezahlten Projektgelder nicht in das Fischereiflottenprojekt floss, sondern in die Taschen des Präsidenten und seiner Clique. Damals aber redeten wir uns… das Thema Korruption kollektiv schön.“ (S. 23). 30 Jahre später legte dann ein UNO-Bericht dar, dass nur etwa die Hälfte der Nahrungsmittelhilfen bei den Zielgruppen ankam, während die andere Hälfte bei den Warlords landete (S. 24). Ein Großteil des Geldes, so Bode, landete nicht bei der bedürftigen Bevölkerung, sondern versickerte in Prachtvillen und Wohnungen, die sich die Nomenklatura damit in Paris oder London kaufte (S. 27). Was hat er in Somalia wirklich erreicht? Das Land ist heute ein failed state. „Schaue ich heute zurück, kann ich nur schlussfolgern, dass das Land nach Jahrzehnten ausländischer Einflussnahme – inklusive Entwicklungshilfe – schlechter dasteht als vor 50 oder 60 Jahren kurz nach seiner Unabhängigkeit. Das Bild vom Scherbenhaufen drängt sich auf.“ (S. 29).
Scheitern der Entwicklungshilfe
Auch in Tunesien war Bode viele Jahre aktiv. Auch hier hätten die ambitionierten Projekte, z.B. zur Förderung des Tourismus, nicht dazu beigetragen, die Situation zu bessern, zum Teil sei sie sogar noch schlimmer geworden. Die Entwicklungshelfer selbst bescheinigten sich die Note 3,2 für Tunesien, aber tatsächlich wurde die Armut nicht einmal ansatzweise überwunden und es habe sich ein Polizeistaat etabliert. „Zu diesem äußerst deprimierenden Zustand hat die Entwicklungshilfe durch Mitwirkung, aber auch durch Wegschauen ihren Teil beigetragen.“ (S. 68). Zwar würden die Projekte später teilweise evaluiert, aber die Daten dazu basierten auf den von GIZ- und KfW-Mitarbeitern erstellten Berichten und seien öffentlich nicht zugänglich. In einem Interview mit der „Welt“ sagte Bode: „Nehmen wir Tunesien. Da habe ich als Entwicklungshelfer gearbeitet… Die ganze Hilfe der letzten 30, 40 Jahre hat die Armut nicht beseitigt. Dafür hat sie ökologische Schäden verursacht, etwa durch Entnahme von Übermengen an Grundwasser für Bewässerungssysteme, die nicht instand gehalten werden. Oder für den Anbau von Olivenbaumsorten, die für das trockene Land ungeeignet sind und zu viel Wasser verbrauchen. Hinzu kommt die Landschafts- und Stadtbildzerstörung durch den Massentourismus. Einige sind reich geworden, aber zur Entwicklung des Landes haben wir nichts beigetragen.“
Deutschland ist erpressbar
Auf die Frage, warum man trotzdem weiter Entwicklungshilfe-Gelder an solche Länder gebe, antwortete Bode in dem Interview: „…weil wir erpressbar sind. Weil unsere korrupten und autoritären Partner sagen: Wenn ihr uns das Geld nicht gebt, dann lassen wir noch mehr Flüchtlingsboote nach Europa kommen. Hinzu kommt die mangelnde Transparenz. Denn die Entwicklungshelfer evaluieren sich selbst. Ich habe vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit die Prüfberichte der letzten 40 Jahre angefordert. Sie waren praktisch von der ersten bis zur letzten Zeile geschwärzt.“ Was Bode berichtet, stimmt in vieler Hinsicht mit dem überein, was Frank Bremer in seinem Artikel „50 Jahre Entwicklungshilfe. 50 Jahre Strohfeuer“ schreibt.
Bremer hat sein Leben dem Kampf gegen die Armut verschrieben und hat sich in 30 Ländern in Afrika, Zentralasien, der Karibik und dem Indischen Ozean mit Entwicklungshilfe befasst und war an Projekten in den Bereichen ländliche Entwicklung und Umwelt beteiligt. Nach mehr als 50 Jahren Engagement in der Entwicklungshilfe zieht Bremer eine bittere Bilanz: „Entwicklungshilfe ist ein Vorhaben, das für ein nicht erreichbares Ziel – die Armutsminderung – für eine falsch ausgewählte Zielgruppe – die afrikanischen Kleinbauern – mit einer nicht funktionierenden Methode – der Hilfe zur Selbsthilfe – in einem untauglichen Format – dem Projekt – wirkungslose Aktivitäten durchführt, die wie Strohfeuer außer schönen Erinnerungen bei allen Beteiligten keine nachhaltigen Spuren hinterlässt, den größten Teil der Mittel für die Projektdurchführung verwendet und damit viel Geld für eine ursprünglich gute Idee verschwendet.“
Naiver Nullsummenglaube
Zahlreiche wissenschaftliche Studien, über die ich in meinem Buch „Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und was wirklich gegen Armut hilft“ berichte, zeigen, dass Entwicklungshilfe meistens wirkungslos ist und oft sogar schädlich. Wenn die Ergebnisse von zahlreichen wissenschaftlichen Studien so eindeutig sind, warum hält sich dann dennoch so zäh die Überzeugung, Entwicklungshilfe sei der beste Weg, um Nationen aus der Armut zu befreien? Ich denke, es ist der Nullsummenglaube. Viele Menschen glauben, arme Länder seien nur arm, weil die reichen Länder ihnen etwas weggenommen haben. Die Folgerung: Die reichen Länder müssten etwas von ihrem Reichtum abgeben, dann werde es den armen Ländern besser gehen. Bode formuliert das in seinem Buch so: „Wir folgten einem simplen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Die Entwicklungsländer sind arm, und wenn wir dorthin Geld für vernünftige Projekte geben und durch unsere Begleitung dafür sorgen, dass diese Projekte ordentlich abgewickelt werden, dann wird die Sache schon funktionieren. Im Rückblick ist diese Annahme lächerlich unterkomplex.“ (S. 26).
Dass das nicht funktioniert, haben die vergangenen Jahrzehnte eindeutig gezeigt. Wenn die Diagnose der Probleme der armen Länder falsch ist, dann ist auch die Therapie falsch. Sowohl Kritiker als auch Befürworter von Entwicklungshilfe halten Entwicklungshilfe für ein Nullsummenspiel, bei dem die reichen Länder verlieren und die armen Länder im gleichen Maße profitieren. Darin sind sich viele Kritiker und Befürworter im Prinzip einig, nur die Bewertung fällt unterschiedlich aus: Die Befürworter finden, die „Opfer“ müsse man akzeptieren, aus Mitmenschlichkeit oder als Wiedergutmachung der kolonialen Sünden des Westens. Die Kritiker finden, angesichts der Probleme in unserem Land könnten wir uns eine solche Großzügigkeit nicht leisten.
„Fluchtursachen beseitigen?“
Die Befürworter der Entwicklungshilfe versuchen zudem, die Menschen in den reichen Länder mit dem Argument zu überzeugen, wir würden selbst auch davon profitieren, denn durch diese Hilfe würden „Fluchtursachen beseitigt“ und daher führe mehr Entwicklungshilfe zu weniger illegaler Migration. Daher sei Entwicklungshilfe kein Nullsummenspiel, sondern führe dazu, dass beide Seiten gewinnen. Das ist aus mehreren Gründen falsch: Erstens kann Armut nicht durch Entwicklungshilfe reduziert werden, wie die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt. Aber selbst wenn es manchen Menschen dadurch etwas besser ginge, führte das eher zu mehr als zu weniger Migration: Denn die Ärmsten der Armen kommen ohnehin nicht, weil sie nicht in der Lage sind, mehrere Tausend Dollar für professionelle Schlepper zu bezahlen. Nur jene, denen es im Vergleich etwas besser geht, können sich das leisten. Entwicklungshilfe ist in der Tat kein Nullsummenspiel, sondern bezeichnet eine Win-Win-Situation, aber in ganz anderer Weise als ihre Verfechter es behaupten. Denn es profitieren auf der einen Seite in hohem Maße die mächtigen staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen sowie „N“GOs in den reichen Ländern. Und auch die vielen hochbezahlten Entwicklungshelfer, die in diesen Strukturen arbeiten. Auf der anderen Seite profitieren korrupte Eliten in den Empfängerländern.
China als Vorbild?
Bode lobt in seinem Buch den chinesischen Weg, ohne dass er damit die Menschenrechtsverletzungen und Unfreiheit rechtfertigen wolle. Doch Mao habe die „Grundlage für den späteren atemberaubenden Aufschwung des Landes“ geschaffen (S. 32), so meint er. Das Gegenteil ist richtig: Mao hat nur Hunger und Armut für China gebracht, allein bei seinem „Großen Sprung nach vorn“ von 1958 bis 1962 starben 45 Millionen Chinesen, die meisten verhungerten. Am Ende der Mao-Ära lebten 88 Prozent der Chinesen in extremer Armut. Heute sind es weniger als 1 Prozent. Aber der Erfolg Chinas begann gerade mit einer radikalen Abkehr von Maos sozialistischer Politik durch Deng Xiaoping, der Privateigentum einführte und kapitalistische Reformen einleitete (siehe dazu auch dieses Video über Chinas Aufstieg). Ähnlich war es in Vietnam, das 1990 noch das ärmste Land der Welt war und durch kapitalistische Reformen die Armut von 80 auf drei Prozent senken konnte. Abdoulaye Wade, 2000 bis 2012 Präsident von Senegal, äußerte in einem Interview: „Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat. Länder, die sich entwickelt haben – in Europa, in Amerika; oder auch Japan oder asiatische Länder wie Taiwan, Korea und Singapur –, haben alle an den freien Markt geglaubt. Das ist kein Geheimnis. Afrika hat nach der Unabhängigkeit den falschen Weg gewählt.“
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Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker – und war auch als Unternehmer und Investor erfolgreich. Er hat 30 Bücher geschrieben und herausgegeben, die in über 35 Sprachen übersetzt wurden (“Weltreise eines Kapitalisten“, “Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie Länder Armut wirklich besiegen“, “Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“) und jüngst auch des Anti-Woke Romans „2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“. Sein neuestes Buch ist „Weltraumkapitalismus“.























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