Wie sich die EU gegen die US-Handelspolitik wehren kann
Im Handelsstreit mit den USA wird zunehmend über Gegenmaßnahmen diskutiert, speziell bei Dienstleistungen wie Software oder Finanzdienstleistungen. Doch Handelsbarrieren hätten negative Folgen für beide Seiten.
Eine Ausweitung des europäisch-amerikanischen Handelskonflikts auf Dienstleistungen würde beiden Seiten erheblich schaden. Das zeigt eine IW-Studie mit Förderung des Auswärtigen Amtes auf Basis von OECD-Daten. Demnach sind USA und EU, aber auch Deutschland, im Dienstleistungshandel eng verflochten: 2023 importierte die EU Dienstleistungen im Wert von rund 349 Milliarden US-Dollar aus den USA und exportierte Leistungen im Wert von 255 Milliarden US-Dollar dorthin. Damit sind die EU und die USA füreinander mit weitem Abstand der wichtigste Handelspartner bei Dienstleistungen. Auch für Deutschland sind die USA sowohl der wichtigste Export- als auch Importpartner Deutschlands im Dienstleistungshandel.
Europa ist stärker abhängig, doch zugleich für die USA unverzichtbarer Markt
Die Analyse der transatlantischen Abhängigkeiten im Dienstleistungshandel zeigt damit, dass die EU stärker von Dienstleistungsimporten aus den USA abhängig ist als von den Exporten dorthin. Das gilt insbesondere für die Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum (etwa Markenrechte oder Lizenzen für Computer Software und Patente), wo die EU, nach starken Zuwächsen seit 2019 im Jahr 2023 rund 68 Prozent ihrer Importe aus den USA bekommen hat, oder für Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen mit einem US-Anteil von knapp 47 Prozent, aber auch Finanzdienstleistungen. Dies müsse bei einer möglichen Ausweitung des aktuellen Handelskonflikts auf den Dienstleistungshandel, etwa mit Blick auf den Zugang von US-Tech Unternehmen, berücksichtigt werden.
Umgekehrt ist aber auch die US-Exportabhängigkeit von der EU bei diesen Dienstleistungsarten besonders gewichtig. Bei beiden Dienstleistungsarten kann sie einen Überschuss im Handel mit der EU erzielen. Das unterstreicht die wechselseitigen transatlantischen Abhängigkeiten auch im Dienstleistungshandel. So gehen rund 50 Prozent der US-Exporte bei den Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum in die EU, bei den Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen sind es rund 46 Prozent. Das zeigt, dass die EU ein wesentlicher und schwer verzichtbarer Absatzmarkt etwa für die US-Tech-Unternehmen ist, dessen Wichtigkeit seit 2019 auch noch einmal zugenommen hat.
Digitalsteuer ist ein möglicher Hebel
„Bei wichtigen Dienstleistungen sind die EU und die USA so eng verflochten, dass ein ausgeweiteter Handelskrieg beiden Seiten erheblich schaden würde“, sagt IW-Expertin Samina Sultan, Senior Economist für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel und Autorin der Studie. Europäische Unternehmen seien vom Dienstleistungshandel mit den USA abhängig, zugleich wollen etwa die US-Tech-Unternehmen den Zugang zum großen EU-Markt nicht verlieren. Auch wenn Trump vorerst seine angekündigten Grönland-Zölle zurückgezogen hat, bleibt seine Handelspolitik unberechenbar. Die EU müsse sich auf neue Eskalationen einstellen. „Eine Digitalsteuer auf Onlinewerbung etwa wäre in dem Fall ein gangbarer Weg“, so Sultan.

Auch für Deutschland werden Dienstleistungsexporte immer wichtiger
Insbesondere Deutschland bekommt die geopolitischen Konflikte immer deutlicher zu spüren. Jüngste Beispiele sind die hohen US-Strafzölle auf deutsche Auto- oder Maschinenexporte in das Land oder auch die kritischen im portseitigen Abhängigkeiten von China, etwa bei Halbleitern und insbesondere bei Seltenen Erden. Bisher beschränkten sich diese Verwerfungen noch weitgehend auf den Warenhandel. Doch aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Dienstleistungshandels gilt es, auch hier Abhängigkeiten frühzeitig zu erkennen.
Insgesamt hat Deutschland im Jahr 2023 Dienstleistungen im Wert von rund 443 Milliarden Euro exportiert und im Wert von rund 520 Milliarden Euro importiert. Damit hatte Deutschland ein Handelsdefizit in Höhe von 77 Milliarden Euro – anders als die EU insgesamt, die einen Handelsbilanzüberschuss im Dienstleistungshandel verzeichnete.
Zwar liegt der deutsche Dienstleistungsexport damit immer noch deutlich unter dem deutschen Warenexport, der sich im Jahr 2023 auf rund 1.633 Milliarden US-Dollar belief. Jedoch zeigt sich, dass der deutsche Dienstleistungsexport seit 2008 schneller wächst als der Warenexport: Seit 2021 stagniert der deutsche Warenexport weitgehend, während der Dienstleistungshandel seit dem kurzzeitigen Einbruch infolge der Coronapandemie weiter dynamisch gewachsen ist. Angesichts des zunehmenden Protektionismus im Warenhandel sowie der anhaltenden Schwäche der deutschen Industrie, etwa aufgrund hoher Energie- und Bürokratiekosten, dürfte die Bedeutung des Dienstleistungshandels für Deutschland in der Tendenz in den nächsten Jahren weiter zunehmen.
Sowohl der wichtigste Export- als auch Importpartner Deutschlands im Dienstleistungshandel sind die USA. So gehen 13,3 Prozent der deutschen Dienstleistungsexporte dorthin. Das ist deutlich vor dem zweitplatzierten Exportpartnerland, Frankreich, mit 8,1 Prozent. Interessant sind die relativ hohen Anteile auf der Exportseite für die Schweiz (7,1 Prozent) und das UK (6,1 Prozent). Diese gehören im Warenhandel nicht (mehr) zu den Top-5 Exportländern. Importseitig sind die USA mit einem Anteil in Höhe von 10,3 Prozent ebenfalls das wichtigste Partnerland Deutschlands im Dienstleistungshandel. Das ist anders als im Warenhandel, wo China deutlich vorne liegt.
Die ganze Studie des IW gibt es hier im Download
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