Renten-Realität in Europa: Wo die staatliche Vorsorge zur bloßen Basis wird

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Der demografische Wandel in der Europäischen Union ist unumkehrbar: Bereits heute ist jeder fünfte Bürger mindestens 65 Jahre alt. Während die Politik über Reformen debattiert, stellt sich für die Wirtschaft und den Einzelnen eine essenzielle Frage: Reicht die staatliche Absicherung für die realen Lebenskosten? Eine aktuelle Untersuchung liefert eine detaillierte Analyse der „Renten-Wirklichkeit“ in 30 europäischen Ländern.

In der Studie von DataPulse Research wurde untersucht, wie weit staatliche Rentenzahlungen und die tatsächlichen Lebenskosten vor Ort wirklich auseinanderklaffen. Hierfür wurden die realen Ausgaben der über 60-Jährigen in ganz Europa analysiert und auf das Preisniveau von 2023 hochgerechnet. Das Ergebnis belegt eine klare Diskrepanz: Die staatliche Vorsorge ist für die meisten Europäer keine ausreichende Absicherung mehr, sondern bildet nur noch die Basis für den Ruhestand.

Die europäische Renten-Landkarte: Massive Klüfte im Vergleich

Die staatlichen Brutto-Altersrenten in Europa variieren massiv. Während der EU-Durchschnitt bei jährlich 17.321 € liegt, reicht die nominelle Spanne von rund 34.413 € in Luxemburg bis zu lediglich 4.239 € in Serbien.

Deutschland gruppiert sich mit einer durchschnittlichen Jahresrente von 19.138 € zusammen mit Frankreich (19.756 €) und Spanien (19.844 €) um den europäischen Mittelpunkt. Die nominellen Zahlen allein verraten jedoch nicht die ganze Wahrheit über den Wohlstand. Erst die Kaufkraftbereinigung (KKS) macht die Werte real vergleichbar: So schrumpft der hohe Wert in Luxemburg aufgrund der Lebenshaltungskosten real auf eine Kaufkraft von etwa 23.000 €, während die bulgarische Rente von nominell 4.479 € einer Kaufkraft von etwa 8.000 € entspricht.

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Wo reicht das Geld im Alter wirklich?

Das zentrale Ergebnis ist für viele Länder ernüchternd: In 24 der 30 untersuchten Nationen besteht eine erhebliche Differenz zwischen den staatlichen Leistungen und den tatsächlichen Ausgaben der Generation 60+.

  • Die „Gewinner“: Nur in einer Minderheit von vier Ländern übersteigt die typische staatliche Rente tatsächlich die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben. Spitzenreiter sind hier Rumänien (+21 %) und Tschechien (+18 %), gefolgt von Polen (+4 %) und Spanien (+3 %).
  • Die Defizitländer: Am größten ist die Spannung laut der Studie in Kroatien, wo die Rente 40 % unter den notwendigen Ausgaben liegt, dicht gefolgt von Slowenien (39 %) und Ungarn (38 %).
  • Situation in Deutschland: Auch für die Bundesrepublik wurde eine signifikante Lücke identifiziert, da die durchschnittliche Bruttorente (19.138 €) deutlich hinter den modellierten Ausgaben zurückbleibt, die sich in großen Volkswirtschaften wie Deutschland zwischen 24.000 € und 29.000 € bewegen.

Der „Wohneigentum-Bonus“

In nahezu allen Ländern entfällt rund die Hälfte der gesamten Ruhestandsausgaben auf lediglich zwei Bereiche: Wohnen (inklusive Nebenkosten) sowie Nahrungsmittel und Getränke.

Wohnen ist dabei das „finanzielle Schwergewicht“, das oft etwa ein Drittel der gesamten Ausgaben ausmacht. Demnach kann ein abbezahltes Eigenheim einen enormen Vorteil verschaffen und eine wichtige Stütze bilden, die am Ende des Monats den Unterschied macht. Dies gilt besonders für Deutschland, Österreich und die Niederlande, wo rund 60 % der älteren Bevölkerung zur Miete wohnen und somit direkt von steigenden Mietkosten bedroht sind.

Das Paradoxon: Warum weniger Staat nicht gleich mehr Armut bedeutet

Eine rechnerisch unzureichende staatliche Rente führt nicht zwangsläufig zur Armut. Länder wie Norwegen, die Slowakei und Luxemburg belegen dies: Trotz staatlicher Renten, welche die durchschnittlichen Ausgaben nicht decken, bleibt das Armutsrisiko niedrig.

Dies liegt laut der Analyse daran, dass die staatliche Rente in diesen Systemen oft nur als Basis fungiert. Der tatsächliche Lebensstandard wird dort durch das Zusammenspiel mit einer starken zweiten und dritten Säule, also betrieblicher Altersvorsorge und privaten Ersparnissen, gesichert.

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