Toskana in deutscher Hand oder warum Il Grigio eigentlich Il Tedesco heißen müsste

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Ein Dorf mit Kirche und Bauernhäusern inmitten von Weinbergen und den sanften Hügeln der Toskana – so beginnen Hollywoodfilme. Rund zwanzig Kilometer südöstlich von Siena, in den Hügeln des Chianti Classico, liegt Borgo San Felice. Heute zählt das Landgut zu den profiliertesten Weinresorts Italiens. Seine Entwicklung begann jedoch nicht mit einer romantischen Vision, sondern mit Bilanzpolitik / Rubrik Stilvoll reisen

Am Anfang stand die adlige Familie Grisaldi del Taja, Feudalherren alter Prägung. Industrialisierung und Landflucht beendeten schrittweise ein System von Herren und Knechten, das sich in Italien bis weit ins 20. Jahrhundert hielt. In den 1970er Jahren gerieten viele dieser Familien wirtschaftlich unter Druck und waren zum Verkauf gezwungen. Käufer von Borgo San Felice beispielsweise wurde die italienische Versicherungsgesellschaft Riunione Adriatica di Sicurtà (RAS).

Der Erwerb des Gutes durch einen Versicherer war kein Zufall, sondern Ausdruck der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen Italiens in den 1970er Jahren. Steuerliche Abschreibungsmodelle und Investitionsanreize machten landwirtschaftliche Betriebe für große Unternehmen attraktiv. Kapital sollte in strukturschwache Regionen gelenkt werden und Agrarflächen boten Bilanzstabilität. San Felice war in diesem Kontext zunächst ein simples Investment.

Die Allianz hat ein Wein-Resort in der Toskana

Seit Ende der 80er Jahre begann die schrittweise Übernahme der RAS durch den Versicherungsriesen Allianz. Und mit den zahlreichen Immobilien- und Agrarbeteiligungen gelangte auch San Felice schließlich in das Portfolio des deutschen Versicherers. Die Allianz hätte das Anwesen als Randposition behandeln oder veräußern können. Stattdessen entschied man sich zu investieren. In den 1980er Jahren begann eine systematische Neuausrichtung des Weinbaus. Forschung, Klonselektion, Parzellenanalyse – San Felice beteiligte sich aktiv an der qualitativen Erneuerung des Chianti Classico, die diese Region aus dem Schatten ihrer Massenproduktion führte.

Hier reifen die Chianti Classico Weine

Das Weingut umfasst mehrere hundert Hektar Land, davon ein erheblicher Teil mit Reben bestockt. Sangiovese ist die dominante Rebsorte – ergänzt durch internationale Varietäten dort, wo sie strukturell sinnvoll sind. Dank des neuen Eigentümers mit den tiefen Taschen war das Ziel nie Volumen, sondern Profil. Bereits 1968 – noch vor der Allianz-Integration – entstand mit „Vigorello“ einer der frühen sogenannten “Super Tuscans”. Die Entscheidung, internationale Rebsorten zu integrieren und sich nicht sklavisch an traditionelle DOC-Regeln zu binden, war damals richtungsweisend. Sie markierte den Beginn einer Phase, in der toskanische Produzenten international neue Maßstäbe setzten.

Internationaler Durchbruch mit „Il Grigio“

Der eigentliche internationale Durchbruch gelang jedoch mit „Il Grigio“. Der bis heute bekannteste Wein aus San Felice entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Chianti-Classico-Weine auf dem US-Markt. Stilistisch klar, strukturiert, mit präziser Säure und kontrollierter Tanninführung traf er exakt den Bedarf amerikanischer Sommeliers: authentische Toscana ohne rustikale Schwere.

Der Wein wurde in den renommiertesten Restaurants geführt und etablierte sich als verlässlicher Vertreter seiner Herkunft. In Hollywood war er über Jahre der Inbegriff für Chianti Classico. Mit der später eingeführten Gran Selezione „Il Grigio“ vertiefte San Felice dieses Profil weiter: selektierte Lagen, längere Reifezeiten, höhere Komplexität.

Ein traditionelles Toskanisches Dorf voller Charakter

Das Borgo als gelebtes Resort

Parallel zum Weinbau wurde das historische Dorf restauriert. Anders als viele Projekte, die historische Substanz lediglich dekorativ nutzen, blieb in San Felice die Struktur erhalten. Kirche, kleine Piazza, verwinkelte Wege – Gäste bewegen sich durch ein echtes Dorf und können durch die endlosen Weinberge, die sich bis zum Horizont erstrecken, spazieren. Im Dorf findet echtes Leben statt: klassische Kammerkonzerte in der Kirche, die Restaurants, die von Einheimischen aus der Umgebung genauso besucht werden wie von den Hotelgästen.

Unsere Suite im Borgo San Felice

Im bemerkenswerter Weise aufgegriffen wurde diese gewachsene bauliche Struktur auch durch das  Borgo San Felice Resort. Die Zimmer und Suiten verteilen sich auf ehemalige Bauernhäuser. Naturstein, Holzbalken, zurückhaltende Eleganz – wer hier morgens aufwacht, weiß, dass er in der Toskana ist. Auf folkloristischen Überschwang hat man dennoch verzichtet. Die Zimmergrößen reichen von großzugigen Doppelzimmern bis zu eigenen kleinen Häusern mit Garten.

Borgo San Felice ist Mitglied von Relais & Châteaux, was gut zum klassisch-modernen Look und zur gepflegten Gastlichkeit passt, die hier gelebt wird. Italienische Eleganz gepaart mit rustikalem Charme – man fühlt sich ein wenig zu Besuch bei einer modernen Adelsfamilie. Einen Pool gibt es auch, und man müsste das Borgo eigentlich gar nicht verlassen. Doch die Umgebung ist zu verlockend, befindet man sich doch im Epizentrum des italienischen Weinbaus und der südlichen Toskana. Montepulciano, San Gimignano, Montalcino – die klingenden Namen kennt man alle. Hier sind die berühmten Dörfer nur einen Steinwurf entfernt.

Wir sind echte Fans der kreativen Petit Fours geworden

Michelin Stern für einen Griechen in der Toskana

Das Restaurant „Poggio Rosso“ ist mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Die Küche unter der Führung von Stelios Sakalis arbeitet regional, präzise und nicht ohne Humor. Der Spitzenkoch selbst stammt aus Athen, verfügt über eine international geprägte Ausbildung in Frankreich, England und Italien und bringt sein modernes, mediterran beeinflusstes Profil in die toskanische Gastronomie ein.

Produkte aus eigenem Anbau, Wild aus der Umgebung, dazu die Weine des Hauses. Das Konzept bleibt toskanisch: Wein, Gastronomie, Landschaft und eine gute Portion mediterrane Innovation.

Frühlingserwachen oder Herbstzauber: die Nebensaison ist die beste Reisezeit

Künftig will man das Resort stärker ganzjährig positionieren. Borgo San Felice war lange eine klassische Sommerdestination. Mit erheblichen baulichen Investitionen und erweiterten Angeboten wird das Resort nun auch im Herbst und Winter attraktiv. Die ruhigeren Monate verändern die Wahrnehmung der Landschaft – dichteres Licht, weniger Besucher, konzentrierte Atmosphäre. Los geht es im März, wenn der Frühling Einzug hält, die Natur erwacht und die Temperaturen 20 Grad erreichen.

Zypressenalleen für Hollywood Feeling in San Felice

Wir finden sogar, der Herbst ist die schönste Jahreszeit in der Toskana. Hier gibt es den endlosen Indian Summer. Durch den ausbleibenden Nachtfrost verfärben sich die Blätter ganz langsam, und auch der November ist noch voller Magie.

Siena, Florenz und kulinarische Abstecher

Die Nähe zu Siena macht Tagesausflüge unkompliziert. Die Piazza del Campo, der Dom mit seiner schwarz-weißen Marmorfassade, die geschlossene gotische Architektur – Siena ist konzentriert und weniger überlaufen als andere Städte der Region. Wir schlenderten am Nachmittag durch die Gassen und kehrten dann zum Abendessen in der Osteria Le Logge ein. Längst kein Geheimtipp mehr, bleibt die Osteria aber eine der großen Adressen Sienas – mit wunderbarer Lage nahe dem Campo in einer ehemaligen Apotheke gelegen. Geboten wird moderne Interpretation toskanischer Klassiker, die den Weg lohnt.

Die Osteria Le Logge in Siena

Florenz nur gut eine Stunde entfernt

Die Kombination aus drei Nächten im Chianti und zwei Nächten in Florenz ist unser Tipp: erst Landschaft und Wein, dann Renaissance und Urbanität. Museen am Vormittag, Arno und Aperitivo am Abend.

Mittags sollte man unbedingt ins Il Santo Bevitore. Untergebracht in einer ehemaligen Remise mit Gewölbedecke und dunkler Holzvertäfelung gehört es seit den frühen 2000er Jahren zu den konstant gefragtesten Adressen von Florenz – laut, lebendig, mit problematischer Akustik, was essenziell ist, wenn man die italienische Seele verstehen will. Es ist also laut, wir reden einfach lauter. Kulinarisch ist es auf jeden Fall einen Abstecher wert: Die Küche verbindet saisonale toskanische Klassiker mit moderner Handschrift, dazu eine sorgfältig kuratierte Weinkarte. Das junge Serviceteam passt gut zu den Florentiner Hipstern, die hier gemischt mit einigen Touristen zu Mittag essen. Aber: Unbedingt reservieren. Wer keinen Platz bekommt, kann immerhin in der Weinbar nebenan die köstliche Lasagne probieren.

Il Santo Bevitore in Florenz

Terme di Saturnia – Körper und Seele

Die Kaskaden von Saturnia

Wer noch etwas für Körper und Seele tun möchte, plant einen Abstecher zur Terme di Saturnia. Die natürlichen Kalksteinbecken mit konstant warmem, schwefelhaltigem Wasser sind schon seit der Römerzeit bekannt. Das Wasser hat exakt Körpertemperatur, und man fühlt sich wie im Mutterbauch. Das Resort aus den 1930er Jahren ist auch architektonisch interessant, der angeschlossene Golfplatz eine perfekte Ergänzung.

Tipps zur Anreise
In der Hauptsaison ist die Toskana von Deutschland aus gut erreichbar, insbesondere über Florenz und Pisa mit zahlreichen Direktverbindungen. In der Wintersaison hingegen werden Direktflüge deutlich reduziert; Florenz und Pisa sind dann nur eingeschränkt oder gar nicht nonstop erreichbar. Wer außerhalb der Saison reist, weicht sinnvollerweise auf Bologna oder Rom aus. Beide Flughäfen werden ganzjährig zuverlässig angeflogen und bieten zahlreiche Verbindungen. Von Bologna erreicht man das Chianti in rund anderthalb Stunden, von Rom in etwa zweieinhalb Stunden –die Strecke ist auch landschaftlich sehr reizvoll. Eine logische Route beginnt in Florenz (oder Bologna), führt weiter ins Chianti nach Borgo San Felice mit einem Stopp in Siena, anschließend z.B. Richtung Süden nach Saturnia und – je nach Zeitbudget – weiter nach Rom. Der Rückflug ab Rom ist insbesondere im Winter oft die praktikabelste Lösung. So entsteht eine stringente Reiseachse von Nord nach Süd: Renaissance, Weinlandschaft, Thermalquellen, ewige Stadt.

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