Markt und Wettbewerb machen Klimaziele bezahlbar
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche muss einen komplizierten Kampf durchstehen. Sie muss die politisch zugesagten Klimaziele erreichbar machen, indem sie Bevormundung und Subventionierung durch Marktwirtschaft und Innovation ersetzt.
Von Professor Dr. h.c. mult Roland Koch
In der Frage des sogenannten Heizungsgesetzes haben sich die Regierungsparteien auf einen Kurs geeinigt, der diesen Weg wieder ermöglicht. Die klimapolitisch gebotene Transformation wird weiter stattfinden, aber sie wird in Zukunft getrieben vom Preis und der Verfügbarkeit der Energie und nicht bei Abregelungen bei Überproduktion.
Die volkswirtschaftlich noch viel bedeutendere Auseinandersetzung ist – von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen –, noch im Gang. Es geht um Ausbau und Bezahlung von Wind- und Solaranlagen. Reiche fordert aus der Sicht mancher Lobbyisten der erneuerbaren Energien geradezu Unerhörtes. Sie will Strom künftig nur bezahlen, wenn er gebraucht wird und teure Anschlussleitungen in Wind- und Solarparks nur dort bauen, wo das Netz noch nicht ausreichend mit Strom versorgt. Sie will sogar preiswertere Angebote bevorzugen.
Nach dem Heizungsgesetz kommen die großen Brocken
Reiches Vorschläge setzen Anreize für Flexibilität, Speicher, Lastmanagement und zielgerichteten Netzausbau. So sinken Kosten, Innovation wird angereizt und die Klimawirkung steigt. Wer Klimaziele erreichen will, muss Knappheiten berücksichtigen, Investitionen ermutigen und Fehlanreize konsequent vermeiden. Hier haben rot-grüne – durchaus ideologische – Entscheidungen seit Beginn des Jahrtausends, schwerste Fehler verursacht. Aus einem marktwirtschaftlich gesteuerten Energieversorgungssystem wurde ein immer teureres Subventions-Eldorado, das zum Schluss für die Wirtschaft ebenso unbezahlbar ist wie für den Steuerzahler. Aber nach 20 Jahren der Fahrt in die falsche Richtung bedeutet das auch, dass an diesem Punkt der Streit unangenehm wird. Er berührt Geschäftsmodelle, politische Gewohnheiten und die bequeme Vorstellung, man könne Zukunft mit Verordnungen planen wie eine Bahnfahrt.
Der Ausbau erneuerbarer Erzeugung wurde in den vergangenen Jahren nicht nur politisch gewollt, sondern auch ökonomisch abgesichert. Garantierte Vergütungen, Abnahmezusagen und umfangreiche Umlagen sollten Risiken reduzieren und Investitionen beschleunigen. Diese Logik war in einer frühen Phase plausibel, als Wind und Solar teuer waren und Kapitalmärkte hohe Risikoprämien verlangten. Doch was als Anschub begann, ist heute der Bremsklotz, den Katherina Reiche beseitigen muss. Nicht weil Wind- und Solartechnik falsch wären, sondern weil das System die falschen Signale setzt, sobald erneuerbarer Strom im Überfluss vorhanden ist.
Bezahlt werden sollte nur, was auch gebraucht wird
Ein Strommarkt, der die Erzeugung unabhängig von Bedarf vergütet, produziert eine zweite Rechnung. Sie heißt Netzausbau, Redispatch, Abregelung und Ausgleichszahlungen. Das sind wachsende Milliardenbeträge. Zurück zur Marktwirtschaft bedeutet, Strom sollte nur dann einen vollen Marktwert haben, wenn er tatsächlich einen Beitrag zur Versorgung leistet. Das ist die Grundlogik jedes Marktes. Ein Energiesystem, das Klimaziele preiswert erreichen will, muss diese Logik wieder zulassen.
Eine Windanlage ist nicht automatisch wertvoll, nur weil sie CO₂-frei produziert. Sie wird wertvoll, wenn sie bei Nachfrage liefert, wenn sie netzdienlich einspeist, wenn sie in Regionen steht, die nicht schon heute von Überkapazitäten und Abregelung geprägt sind. Anschlussleitungen und Netzausbau müssen dort priorisiert werden, wo sie den größten volkswirtschaftlichen Nutzen stiften. Jeder Euro, der in eine Leitung in eine ohnehin überversorgte Zone fließt, kann nicht gleichzeitig in Engpassbeseitigung, Digitalisierung oder Flexibilität genutzt werden.
“Das System hat zu viel gleichzeitige Erzeugung und zu wenig flexible Nachfrage. In einem marktbasierten Rahmen würden solche Konstellationen Unternehmer wachrütteln”
Wenn viele Umwelt-NGOs jetzt empört oder besorgt rufen, dass ohne garantierte Erlöse der weitere Ausbau gefährdet sei, verwechseln sie Ursache und Wirkung. Entscheidend ist nicht, Investoren zu schützen, sondern sie für Orte und Technologien zu begeistern, die systemisch wertvoll sind.
Der Preis ist mehr als eine lästige Fußnote
Alle kennen die Beispiele der kostentreibenden Ineffizienzen des aktuellen Systems. Wind- und sonnenreiche Tage sind heute teuer für alle Beteiligten. Sonne und Wind stellen zwar keine Rechnung, aber der Umgang mit ihnen ist alles andere als preiswert. In einem System mit weitreichenden Vergütungsansprüchen entsteht ein bizarrer Kreislauf. Anlagen liefern rechnerisch Energie, das Netz kann sie physikalisch nicht aufnehmen, die Einspeisung wird gedrosselt und trotzdem fließt Geld. Es fließt nicht für Versorgung, nicht für Klimawirkung, sondern für einen Anspruch aus dem Regelwerk. Das ist kein Vorwurf an Betreiber, sondern eine Anklage an das Design.
Diese Erfahrung zeigt uns, dass das System zu viel gleichzeitige Erzeugung und zu wenig flexible Nachfrage hat. In einem marktbasierten Rahmen würden solche Konstellationen Unternehmer wachrütteln. Sie würden Lasten verschieben, Speicher bauen, Prozesse umstellen, Verträge für flexible Abnahme schließen. In einem garantiebasierten Rahmen werden negative Preise dagegen entschärft und sozialisiert. Das dämpft das Signal und damit die Investition in Flexibilität. Man bekämpft die Symptome, während die Ursache wachsen darf. Der Preis wird nicht mehr zur Sprache des Systems, sondern zur lästigen Fußnote. Das muss jetzt ein Ende haben.
Wenn Windanlagen nicht mehr automatisch einspeisen können und wenn Ausfall nicht mehr als quasi garantierte Erlösquelle behandelt wird, wächst der Bedarf an Alternativen. Da beginnt die Chance, all das zu schaffen, was die Planer immer für unmöglich gehalten haben. Kleine Elektrolyseure, verteilt an vielen Orten, können Überschüsse in Wasserstoff umwandeln, wenn die Preise niedrig sind und das Netz keinen weiteren Strom aufnehmen kann. Der Clou ist, dass niemand heute seriös wissen kann, ob große zentrale Elektrolyseparks oder viele kleinere Einheiten wirtschaftlich erfolgreich sein werden. Ein System, das diese Frage politisch vorab entscheidet, riskiert Fehlinvestitionen.
Knappheit bestimmt den Preis und macht kreativ
Ein System, das Preis und Knappheit entscheiden lässt, schafft Raum für Experimente. Der entscheidende Vorteil marktnäherer Regeln ist, dass sie Innovation dort erzwingen, wo sie gebraucht wird. Wenn Stromproduktion sich an Bedarf, Netzlage und Preis orientieren muss, entsteht ein unmittelbarer Anreiz, Überschüsse lokal zu nutzen oder zu speichern. Plötzlich werden Speicher nicht nur ein politisches Wunschprojekt, sondern ein Geschäftsmodell. Plötzlich werden flexible Verbraucher attraktiv, die Produktion zeitlich verschieben können. Plötzlich gewinnt ein ganzer Werkzeugkasten an Bedeutung, von steuerbaren Wärmepumpen über industrielle Lastverschiebung bis zu wasserstofffähigen Prozessen, die nicht rund um die Uhr laufen müssen.
Natürlich gibt es Übergangsprobleme. Ein abrupter Systemwechsel kann bestehende Investitionen entwerten und Vertrauen beschädigen. Deshalb ist nicht Radikalität, sondern Pfadklarheit gefragt. Jetzt müssen Regeln geschaffen werden, die auf lange Zeit und verlässlich Bestand haben.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, erneuerbare Energien durch den Entfall staatlicher Garantievergütungen direkt dem freien Marktwettbewerb auszusetzen. Da moderne Anlagen mittlerweile effizient und rentabel arbeiten, soll dieser Schritt die finanzielle Belastung für Nutzer und Steuerzahler senken und den Fokus auf Speicherausbau statt Abschaltungen legen. Es ist wichtig, dass sie sich durchsetzt.
Am Ende geht es um einen nüchternen Satz: Klimaziele müssen bezahlt werden, aber sie müssen nicht teuer bezahlt werden. Teuer wird es vor allem dann, wenn man technische Entwicklung politisch vorab festschreibt und ökonomische Signale überdeckt. Der Markt ist kein Gegner der Transformation, er ist ihr Entdeckungsinstrument. Er zeigt, wo Knappheit herrscht, wo Überfluss ist, wo Innovation wertvoll wird und wo nicht.
- Die Energiewende braucht endlich einen ganzheitlichen Behandlungsplan
- “Wir fahren gegen die Wand. Aber zertifiziert”
- Wir brauchen Strom, der ohne Subventionen bezahlbar ist
Professor Dr. h.c. mult. Roland Koch ist seit November 2020 Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Koch war bis von 1999 bis 2010 Hessischer Ministerpräsident. Altbundeskanzler Ludwig Erhard gründete 1967 die Ludwig-Erhard-Stiftung und gab ihr die Aufgabe, für freiheitliche Grundsätze in Wirtschaft und Politik einzutreten und die Soziale Marktwirtschaft wachzuhalten und zu stärken. Die Stiftung ist von Parteien und Verbänden unabhängig und als gemeinnützig anerkannt. Sie tritt politischem Opportunismus und Konformismus mit einem klaren Leitbild entgegen: Freiheit und Verantwortung als Fundament einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für den mündigen Bürger. Infos























Schreibe einen Kommentar