Beachten Sie die Kontaktschuldverordnung vor der nächsten Geburtstagsfeier

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Theo Müllers Geburtstagsfeier, über die im „Spiegel“ und zahlreichen Medien berichtet wurde, hat gezeigt, dass viele Bürger immer noch nicht § 22 der Kontaktschuldverordnung KonSchVO (Verhalten bei Geburtstagseinladungen) kennen. Bevor Sie das nächste Mal zu einem Geburtstag, einer Hochzeit etc. gehen, sollten Sie folgende Schritte beachten.

Von Dr. Dr. Rainer Zitelmann

§ 22 Kontaktschuldverordnung KonSchVO*
1. Lassen Sie sich die Gästeliste vom Gastgeber schicken, bestehen Sie auf Vollständigkeit.
2. Lassen Sie sich vom Gastgeber versichern, dass keine Personen anwesend sein werden, die irgendwie als rechtsgerichtet gelten könnten. Keine Sorge: Linke Extremisten sind kein Problem, sondern ein Indiz dafür, dass Sie ohne Probleme kommen können.
3. Zur Sicherheit reichen Sie die Liste vorher zum Gegencheck bei „Spiegel“, taz oder Correctiv ein, damit diese die Aussagen des Gastgebers prüfen.
4. Falls Ihnen bei dem Geburtstag ein Rechter begegnet, bitte nicht einfach unauffällig die Feier verlassen, sondern lautstark protestieren und die anderen Gäste ebenfalls aufrufen, den Ort zu verlassen. Das könnte Sie später entlasten.
5. Bitte rechnen Sie damit, dass vielleicht ein Enthüllungsjournalist bei Ihnen am Tisch sitzt, der ihre Gespräche aufnimmt oder Sie fotografiert. Wägen Sie Ihre Worte gut.
6. Bitte machen Sie sich Notizen

Im „Spiegel“ wurde den Gästen einer Geburtstagsfeier von Theo Müller („Müller Milch“) u.a. vorgeworfen, sie hätten sich „zumindest nicht sichtbar an der Zusammensetzung der Feier gestört“.

Spiegel-Frageliste: Wer hat die Musik ausgewählt?

Offenbar hatte der „Spiegel“ einen Informanten bei der privaten Feier eingeschleust, dann man wusste genau, wer da war und wer wo saß. Ergänzend wurde Theo Müller eine detaillierte Frageliste zu den Gästen seiner Feier gemailt, in dem er gefragt wurde, woher er diese oder jene Person genau kenne. Es gab noch andere pikante Fragen des „Spiegel“ so etwa: „Wer hat die Stücke ausgewählt, die gespielt wurden, etwa die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven?“ oder „Wieso haben Sie ausgerechnet die Prager Philharmoniker eingeladen?“

Theo Müller beantwortete die Fragen nicht, schickte mir aber den inquisitorischen Fragebogen, da ich auch genannt wurde. In dem Fragebogen hieß es, ich habe unter anderem eine „verharmlosende Hitler-Biografie“ veröffentlicht. Nun, ich habe Zweifel, dass Susanne Amann, die diese Fragen gestellt hat, auch nur eine Seite in dem Buch gelesen hat. Jedenfalls habe ich, anders als Theo Müller, geantwortet, und zwar mit folgender Mail:

E-Mail an Frau Amann: Sie hätte es besser wissen können

Sehr geehrte Frau Amann,

Herr Theo Müller hat mir Ihre Anfrage zu seiner Geburtstagsfeier zur Kenntnis gegeben. Ich möchte diese nur kommentieren, soweit es um meine Person geht.

Sie schreiben, Rainer Zitelmann habe eine ‚verharmlosende Hitler-Biografie geschrieben.’
1. Es handelt sich hier nicht um eine Biografie, sondern um eine Dissertation über Hitlers sozial- und wirtschaftspolitischen Ziele, die bei dem international renommierten Historiker Prof. K.O. Frh. von Aretin entstanden ist und die mit summa cum laude bewertet wurde.

2. Dieses Buch wurde in den führenden historischen Fachzeitschriften wie ‚Journal of Modern History’, ‚Historische Zeitschrift’ und ‚Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte’ sowie in führenden Tageszeitungen wie SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, FAZ; TAGESSPIEGEL, WELT usw, positiv besprochen.
Können Sie sich vorstellen, dass all diese Medien zusammen dümmer sind als der SPIEGEL und keines davon erkannt hat, dass es eine “verharmlosende Biografie” ist? Haben Sie das Buch oder auch nur eine der genannten Besprechungen gelesen, bevor Sie ein Urteil fällen?

3. Sie schreiben, dass man dieses Buch u.a. in dem Shop des rechtsextremen Compakt-Verlages kaufen kann. Wussten Sie, dass dieses Buch u.a. bei der angesehenen WISSENSCHAFTLICHEN BUCHGESELLSCHAFT und im Verlag KLETT-COTTA erschienen ist? Sind diese Verlage bekannt dafür, rechtsextreme Machwerke zu veröffentlichen?

Ich bin übrigens seit 31 Jahren Mitglied der FDP. Theo Müller ist ein guter persönlicher Freund seit vielen Jahren. Daran ändert auch nichts, dass ich die AfD ablehne und seit Jahren öffentlich scharf kritisiere, übrigens so wie auch manche anderen Personen, die bei der Feier dabei waren.

Einer Kontaktschuld bin ich mir dennoch nicht bewusst, wenn ich der Einladung eines Freundes folge, bei der auch Menschen anwesend sind, die ganz anderer Meinung sind als ich. Wenn Sie selbst noch nie bei Geburtstagen waren, wo auch Andersdenkende anwesend waren bzw. alle Personen nach politischen Kriterien eingeladen oder zuvor auf ihre Gesinnung überprüft wurden, tut es mir leid für Sie.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Ist der „Spiegel“ klüger als führende Fachzeitschriften?

Diese Mail enthielt, wie Sie sehen, einen Link mit den Rezensionen zu meinem Buch, unter anderem aus der „Historischen Zeitschrift“. Dazu muss man wissen, dass die HZ, 1859 gegründet, die mit Abstand renommierteste historische Fachzeitschrift in Deutschland ist. Vermutlich weiß Frau Amann auch nicht, dass das „Journal of Modern History“ (1929 gegründet) eine der angesehensten Fachzeitschriften der Welt ist. Dort hieß es zu meinem Buch: „Sein Buch bildet einen Meilenstein in unserem Verständnis von Adolf Hitler.” Geschrieben hat diese Rezension der weltweit bekannte Historiker Klemens von Klemperer, der im Dritten Reich zum Widerstand gehörte, bevor er als Jude in die USA floh.

Sind all diese Fachjournale, Historiker und renommierten Zeitungen dümmer als Frau Amann? Konnte keiner erkennen – was sie weiß – , dass das Buch Hitler „verharmlost“? Professor Jürgen W. Falter, einer der angesehensten Politikwissenschaftler Deutschlands, der das Nachwort zur Neuauflage des Buches geschrieben hat, schrieb dem „Spiegel“ einen Leserbrief, in dem er zu dem Artikel konstatierte: „Hier ersetzt Überzeugung in geradezu diffamierender Weise Literaturkenntnis“.

Nun, dem kann ich abhelfen. Ich habe heute Susanne Amann geschrieben, dass ich ihr gerne ein Exemplar des Buches schicke, über das sie so abfällig geurteilt hat, vermutlich ohne es zu kennen.

Vielleicht hätten sich die Spiegel-Redakteure, die mich in eine Rechtsaußen-Ecke stellen wollte, auch darüber wundern müssen, dass der „Spiegel“ erst vor wenigen Jahren sehr positive und ausführliche Artikel (8 Seiten!) über zwei andere Bücher von mir veröffentlichte:

Spiegel-Kollege auch mit Kontaktschuld?

Der Spiegel-Redakteur, der diese positiven Artikel verfasste, war übrigens damals bei meiner Buchvorstellung im Chinaclub in Berlin dabei, ebenso wie mein Freund Theo Müller. Zu seiner Entlastung muss man hinzufügen, dass es die Kontaktschuldverordnung damals noch nicht gab.

Da alles, was über mich in dem Artikel steht, ohne Sachkenntnis ist und extrem schlecht recherchiert, könnte es gut sein, dass das auch für andere Personen zutrifft, die in dem Artikel genannt werden.

Bedenklich ist, dass in Deutschland Freiheitsrechte immer mehr eingeschränkt werden und ein Klima der Denunziation herrscht, das durch staatlich finanzierte Meldestellen befördert wird. Ich mache mir Sorgen darüber – unsere Demokratie ist in Gefahr. Ich habe mich entschlossen, das alles auch zum Gegenstand eines Romans zu machen („2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“) und dort zu beschreiben, wie sich sukzessive eine freiheitliche Demokratie in eine Diktatur verwandelt. Das Buch spielt zwar 2075, ist aber als Warnung im Jahr 2025 gedacht.

Ich freue mich, wenn wir alle wieder auf Geburtstage gehen können, ohne zu befürchten, dass an unserem Tisch ein verdeckter Ermittler sitzt und nachmisst, wie weit wir entfernt sitzen von Personen, für die Kontaktschuldstufe Nr. 1 gilt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Focus Online.

* Eine „Kontaktschuldverordnung“ gibt es zum Glück noch nicht. Es handelt sich selbstverständlich um eine satirische Darstellung.

Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker – und war auch als Unternehmer und Investor erfolgreich. Er hat 29 Bücher geschrieben und herausgegeben, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden (“Weltreise eines Kapitalisten“, “Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie Länder Armut wirklich besiegen“, “Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“). Sein jüngstes Buch ist der Anti-Woke Roman 2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“.

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