Gesamtverteidigung: Nur jedes vierte Unternehmen hat Notfallpläne für den Kriegsfall
Für eine wirksame Abschreckung gegenüber Russland muss auch die Wirtschaft eingebunden sein. Doch bislang sind nur wenige auf Ausfälle der Infrastruktur oder der Lieferketten vorbereitet, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Anders sieht es bei Cybergefahren aus.
Die aktuelle sicherheitspolitische Diskussion lässt den Eindruck entstehen, die Abschreckung vor russischer Aggression an der NATO-Ostflanke sei eine rein militärische Aufgabe, unterstützt durch die zivilen Rettungs- und Katastrophenschutzorganisationen. Verteidigungsfähigkeit ist jedoch als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu definieren, wie es nordeuropäische Länder seit Jahren erfolgreich vorleben. In eine glaubwürdige Abschreckung muss daher auch die zivile Wirtschaft eingebunden werden. Sie ist beispielsweise bei der Freistellung von Personal, der Bereitstellung von Material und Dienstleistungen sowie dem Schutz eigener Anlagen und Wertschöpfungsketten gefordert.
Nicht zuletzt ist eine auch im Konfliktfall resiliente, flexible und dynamische Wirtschaft entscheidend für den Rückhalt in der Bevölkerung, die Ausrüstung der Streitkräfte und damit für den militärischen Erfolg. Ohne eine Gesamtverteidigung, die auch den Schutz und das Engagement der Wirtschaft berücksichtigt, bleibt die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit unvollständig.
Die verteidigungsrelevanten Anforderungen an die Wirtschaft und die damit verbundenen unternehmerischen Aktionsmöglichkeiten können in vier Dimensionen eingeteilt werden:
- die Freistellung von Mitarbeitern für Wehrübungen, Übungen von Katastrophenschutz und Rettungsdiensten sowie für Freiwilligeneinsätze
- die Sicherstellung der Arbeitsfähigkeit trotz kriegsbedingten Verknappungen von Arbeitskräften, Logistikkapazitäten oder internationalen Lieferungen von Vorprodukten
- die Abwehr von direkten Risiken wie Sabotage, Spionage, Cyberangriffen oder physischen Angriffen auf die Produktionsanlagen
- die Einbindung in verteidigungsrelevante Wertschöpfungsketten durch Produktion von Verteidigungsgütern oder Komponenten, Angebot von Dienstleistungen, Möglichkeiten der Produktionsumstellung im Krisenfall oder die Bereitschaft zum Abschluss von Vorhalteverträgen, die zu kurzfristigen Lieferungen im Krisenfall verpflichten.
Cyber-Risiken im Blick, Lieferketten oft ungesichert
Doch viele Unternehmen in Deutschland sind nur bedingt auf einen möglichen Kriegsfall vorbereitet. Wie eine repräsentative Befragung des IW aus dem Herbst zeigt, haben nur 22 Prozent der Unternehmen Vorsorgemaßnahmen für Infrastrukturausfälle getroffen. 17 weitere Prozent planen entsprechende Schritte. Auf Personalausfälle, etwa wenn Reservisten eingezogen werden, sind lediglich rund fünf Prozent vorbereitet.
Bei bereits bekannten Formen der hybriden Kriegsführung sind viele Unternehmen besser aufgestellt. Rund 86 Prozent aller Betriebe und 97 Prozent der Großunternehmen haben etwa Maßnahmen zur Abwehr von Cyberangriffen getroffen. Zudem bereitet sich schon mehr als die Hälfte der Unternehmen auf Desinformation, Sabotage und Spionage vor. Insgesamt planen in allen abgefragten Bereichen Firmen weitere Schritte. Das deutet auf eine wachsende Sensibilität für Sicherheitsrisiken hin.
In vielen Bereichen bestehen allerdings Defizite. Nur etwa jedes fünfte Unternehmen hat bislang begonnen, seine Lieferketten für den Konfliktfall abzusichern. Schwach ausgeprägt bleibt darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden. Nur rund zehn Prozent der Unternehmen stehen in regelmäßigem Austausch, weitere vier Prozent planen entsprechende Kontakte.
Verteidigung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
„In den Konflikten von heute gerät die zivile Wirtschaft immer stärker ins Fadenkreuz feindlicher Mächte“, sagt IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt. Für ein glaubwürdiges gesamtgesellschaftliches Abschreckungssignal müssten sich die Unternehmen deshalb stärker als Teil der Landesverteidigung sehen. „Ohne eine gut vorbereitete Wirtschaft ist die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit unvollständig“, sagt IW-Sicherheitsexperte. Dabei seien Notfall- und Krisenpläne ebenso entscheidend wie eine verbesserte Kommunikation zwischen Militär, Wirtschaft und Hilfsorganisationen.
Insgesamt gehe es darum, sich heute auf mögliche Szenarien einzustellen und eine gesamthafte Verteidigungsfähigkeit zu erreichen. Es reicht nicht, erst im Krisenfall reagieren zu können. Das relevante Szenario ist dabei nicht das eines umfassenden Angriffs, wie es noch im Kalten Krieg als Risiko vorherrschte. Wahrscheinlicher ist eine Form des andauernden hybriden Konflikts mit einem immer aggressiveren Vorgehen gegen NATO-Mitglieder. Zu denken ist etwa die Provokation von Aufständen russischer Minderheiten, die „geschützt“ werden sollen, oder an kleinräumige militärische Auseinandersetzungen, bei denen die Unterstützung der Bündnispartner ausgetestet werden soll und eine vollumfängliche Reaktion der NATO als übertrieben erscheinen würde. Das Eindringen russischer Drohnen in den polnischen Luftraum im September 2025 veranschaulicht dieses Risiko.
Umgang der Unternehmen mit verteidigungsbezogenen Anforderungen
Die Unternehmen in Deutschland müssen sich daher mit den Anforderungen der Gesamtverteidigung auseinandersetzen, die unterhalb der Landesverteidigung und unterhalb der Durchgriffsrechte im Verteidigungsfall liegen, allerdings durch ihren hybriden Charakter auch zivile Strukturen gefährden und eine umfassende Abschreckungsfähigkeit im Zusammenspiel aller zivilen und militärischen Akteure erfordern.
Der Operationsplan Deutschland als zentrales Dokument, an dem sich Unternehmen ausrichten könnten, ist seiner Natur entsprechend geheim und damit nicht zugänglich. Dies macht die Kommunikation über die konkreten Anforderungen nicht einfacher. Dennoch werden wesentliche Dimensionen an die Wirtschaft kommuniziert und besprochen. Eine schlankere Dokumentation für Wirtschaft und Zivilgesellschaft ohne geheim zu haltende Passagen wäre zielführend.
Unternehmen sind nicht nur durch die Planungen der Bundeswehr im Rahmen der Gesamtverteidigung angehalten, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Sie sehen sich vielmehr auch selbst von negativen geopolitischen Entwicklungen betroffen. Diese haben zwar im Regelfall keinen direkten militärischen Hintergrund, sind aber dennoch Ausdruck zunehmender Spannungen und können damit für Verteidigungsfragen sensibilisieren.
Zur gesamten Studie des IW
- Rüstungspatente: Europa verliert den Anschluss an die USA
- Deutschland auch im Cyberraum verteidigen
- Aufrüstung gegenüber Russland: Kriegstüchtig erst in Jahrzehnten























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