
Linke sind besser im Marketing der Ideen – wir sollten von ihnen lernen
Die Fakten sprechen alle für den Kapitalismus, und trotzdem dominieren die Antikapitalisten mit ihrer Ideologie – warum?
von Dr. Dr. Rainer Zitelmann
Kein Wirtschaftssystem in der Geschichte hat so wirksam die Armut reduziert wie der Kapitalismus. Bevor der Kapitalismus vor etwa 200 Jahren seinen weltweiten Siegeszug antrat, lebten 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute sind es weniger als 9 Prozent. Umgekehrt gibt es kein Beispiel, wo Sozialismus das Leben der einfachen Menschen verbessert hat. Über 100 Millionen Menschen kamen in Folge sozialistischer Experimente um – allein bei Maos Großem Sprung nach vorne in den Jahren 1958 bis 1962 waren es 45 Millionen.
Die Fakten sprechen für den Kapitalismus
Das Leben der Menschen in China besserte sich erst dann, als Deng Xioaping eine radikale Kehrtwende vollzog, das Privateigentum an Produktionsmitteln einführte und marktwirtschaftliche Reformen durchführte. Seine Parole: „Lasst einige erstmal reich werden!“ Der Prozentsatz der Chinesen, die in extremer Armut leben, sank dadurch von 88 Prozent Anfang der 80er-Jahre auf heute unter ein Prozent. Ähnlich in Vietnam, das zu Zeiten der sozialistischen Planwirtschaft das ärmste Land der Welt war. Durch die Einführung des Privateigentums und marktwirtschaftliche Reformen sank dort die Zahl der Armen von 80 Prozent Anfang der 90er-Jahre auf heute drei Prozent.
Die Einführung des Sozialismus hat stets zu mehr Armut geführt. Ein tragisches Beispiel ist Venezuela, das 1970 noch eines der 20 reichsten Länder der Welt war und das reichste Land Südamerikas. Durch staatliche Regulierung verschlechterte sich die Situation bereits in den 80er- und 90er-Jahren, aber richtig schlimm wurde es erst, nachdem der Sozialist Hugo Chávez Ende der 90er Jahre an die Macht kam. In den ersten Jahren profitierte sein sozialistisches Regime von steigenden Ölpreisen, aber nachdem die Ölpreise sanken und Chávez mit Verstaatlichungen begann, versank das Land in Armut. Der „Sozialismus im 21. Jahrhundert“, wie seine Anhänger das Regime nannten, führte zu einer extremen Verarmung. Heute leben 80 Prozent der Menschen in Venezuela in Armut, ein Drittel der Bevölkerung ist bereits geflohen. Mit dem Kapitalismus wurde auch die Demokratie abgeschafft und heute herrscht in dem einstmals reichsten Land Südamerikas eine Diktatur, die nur überlebt, weil sie von Russland und China gestützt wird. Zur Erinnerung: Noch vor zwölf Jahren pries Sahra Wagenknecht Venezuelas Wirtschaftsmodell als vorbildlich.
Die Zahl der Beispiele ließe sich fortsetzen. In meinem Buch „Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“ habe ich mit einer Vielzahl von Fakten die Legenden widerlegt – so etwa die, dass der Kapitalismus verantwortlich sei für Hunger, Armut, Umweltzerstörung oder Kriege. Selbst die Sklaverei, die über Jahrtausende währte und erst durch den Kapitalismus beseitigt wurde, wird dieser Wirtschaftsordnung angelastet.
In 29 von 35 Ländern dominieren antikapitalistische Meinungen
Angesichts der Eindeutigkeit der historischen Fakten reibt man sich die Augen, wenn man feststellt, dass der Kapitalismus für Hunger und Armut verantwortlich gemacht wird und der Sozialismus vielen als System gilt, das für „Menschlichkeit“ steht – zumindest von der Idee her. Eine weltweite Befragung, die ich durchführen ließ, ergab, dass in 29 von 35 Ländern die Mehrheit der Menschen antikapitalistisch eingestellt ist.
Offenbar sind Antikapitalisten Genies im Marketing und der PR, denn es ist ihnen gelungen, ein System, das wie keines die Armut reduziert hat, als „menschenverachtend“ darzustellen.
Einer der Gründe dafür ist, dass Anhänger des Kapitalismus zu oft mit Theorien und nüchternen Fakten argumentieren. Ich habe das auf meiner Weltreise in den Jahren 2022/2023 gesehen, als ich in 30 Ländern die liberale und libertäre Bewegung kennenlernte. Tolle Menschen mit richtigen Ideen, die es aber zu oft nicht verstehen, sie so zu vermitteln, dass sie die Menschen damit erreichen.
Im März 2023 war ich in Griechenland. Auf der Strecke zwischen Athen und Thessaloniki war zwei Wochen zuvor, am 28. Februar kurz vor Mitternacht, ein Personenzug und ein auf demselben Gleis entgegenkommender Güterzug frontal zusammengestoßen. Mindestens 57 Menschen starben, von über 80 Verletzten wurden 14 Personen zum Zeitpunkt meines Griechenland-Besuchs noch im Krankenhaus behandelt. Es war das schwerste Zugunglück in der Geschichte des Landes. Ein Bahnhofsvorsteher, der eingeräumt hatte, die Umleitung der Züge versäumt zu haben, wird inhaftiert und angeklagt.
Linke gaben dem Kapitalismus, genauer der Privatisierung der Bahn, die Schuld an dem Unglück, was abwegig ist. Der Unfall hätte jederzeit passieren können, auch in den vergangenen Jahren, als die Bahn staatlich war. Zudem ist das Streckennetz ja weiter in staatlichem Besitz. Aber der Kapitalismus ist in Griechenland noch verhasster als in anderen Ländern, und das Zugunglück aktivierte nur die ohnehin starken antikapitalistischen Stimmungen. Mein Hotel in Athen war direkt neben dem Parlament und an einem Sonntag konnte ich von meinem Balkon aus Tausende Linke mit ihren roten Fahnen beobachten, die gegen den Kapitalismus demonstrierten, der angeblich wieder 57 Menschen auf dem Gewissen habe. Ich konnte die Reden nicht verstehen, aber die Hälfte der Zeit sangen die Demonstranten Lieder. Schöne, herzergreifende Lieder. In diesem Moment wurde mir etwas klar, das mir schon die ganze Reise durch den Kopf ging. Als ich die Demonstranten beobachtete, sagte ich zu meiner Freundin: „Siehst du, ich sage, in diesem und jenem Land hat der Kapitalismus das GDP per capita in den letzten Jahrzehnten fast verdreifacht. Und diese Menschen hier singen ihre schönen, herzergreifenden Lieder vom Sozialismus. Was glaubst du, wer eher durchdringt?“
Was wir von Ayn Rand lernen können
Ich selbst bin ein großer Fan der Bücher von Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, die theoretisch gezeigt haben, warum der Sozialismus nicht funktionieren kann.
Aber kein Verfechter des Kapitalismus hat auch nur annähernd so viele Bücher verkauft wie Ayn Rand. Die Gesamtauflage ihrer Werke liegt bei über 37 Millionen, sie wurden in 38 Sprachen übersetzt. Allein ihr Roman „Atlas Shrugged“ verkaufte sich über zehn Millionen Mal. Zum Vergleich: Der Bestseller von Friedrich August von Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“ wurde über zwei Millionen Mal verkauft, Milton Friedmans „Kapitalismus und Freiheit“ etwa eine Million Mal. Ayn Rand hat etwa zehn Mal so viele Bücher verkauft wie diese beiden großartigen Theoretiker des Kapitalismus.
Woher rührte ihr großer Erfolg? Anders als die Ökonomen von Mises, von Hayek oder Friedman schrieb sie vor allem Romane. Ihre Aufsätze und Sachbücher hatten demgegenüber eine völlig untergeordnete Bedeutung. Es waren nicht Argumente der Vernunft, sondern der Appell an Moral und Gefühle, der ihr eine solche Wirkung brachte.
Der Einfluss der Linken beruht darauf, dass sie die Macht der Emotionen besser verstehen. Für mein Buch „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ ließ ich systematisch Hollywood-Filme analysieren, und das Ergebnis war, dass Reiche meistens negativ dargestellt wurden – profitgierig und hartherzig. Meist sind sie die Schurken, selten die Helden. Eine Analyse der Krimi-Serie „Tatort“ ergab: Mit 39 Folgen, in denen Unternehmer, Manager oder Selbstständige die Mörder sind, nahmen diese den Spitzenplatz ein, noch vor Berufskriminellen.
Solche Filme beeinflussen die Menschen wesentlich stärker als alle rationalen Argumente für den Kapitalismus.
Dies gilt besonders auch für Frauen. In fast allen Ländern, in denen ich die Befragung zum Image des Kapitalismus durchführen ließ, waren Frauen antikapitalistischer eingestellt als Männer. Und diese Tendenz verstärkt sich. In vielen Ländern beobachten wir bei Wahlen ein starkes Auseinandertriften im Wahlverhalten von jungen Menschen – junge Frauen wählen zunehmend linke Parteien, junge Männer zunehmend rechte Parteien. Wäre es bei der Bundestagswahl nach jungen Frauen gegangen, die in einer Stadt leben, könnte Jan van Aken Fraktionsvorsitzender der Linken, Bundeskanzler werden. 35 Prozent erreicht seine Partei in dieser Bevölkerungsgruppe.
Auch dies hat etwas damit zu tun, dass es Linken besser gelingt, die Menschen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. Ich habe in 30 Ländern Vorträge vor libertären Thinktanks gehalten: Die Zuhörer waren ausnahmslos ganz überwiegend Männer, oft bis zu 90 Prozent.
Ein anti-egalitärer Roman
Ich habe mich entschlossen, nachdem ich 29 Sachbücher geschrieben habe – überwiegend über Wirtschaft, Finanzen und Politik – meinen ersten Roman zu schreiben, den anti-egalitären Roman „2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“.

Der Roman spielt im Jahr 2075: Der Kampf für Gleichheit findet ein neues Ziel. Eine radikale Gerechtigkeitsbewegung, „Movement for Optical Justice“ (MOVE) wendet sich gegen die ungleiche Verteilung von Schönheit. Attraktive Frauen genössen angeblich unverdiente Privilegien im Berufs- wie Privatleben. Darum: „Schönheit ist ungerecht.“
Die Bewegung gewinnt in der Justice-Partei immer mehr Einfluss und kommt schließlich an die Macht. Stück für Stück verwandelt sich die Demokratie in eine Gleichheitsdiktatur. Es beginnt mit höheren Steuern und beruflichen Nachteilen. Aber schließlich setzt sich der radikale Flügel der Bewegung durch: „über-schöne“ Frauen, bezeichnet als PB („Privileged Beauty“), müssen sich einem chirurgischen Eingriff („Optical Optimization Therapy“) unterziehen, der sie weniger attraktiv macht.
Das führt zu individuellen Dramen und Verzweiflung, aber auch zu einer entschiedenen Gegenwehr. Es bildet sich eine Opposition, die sich aus unterschiedlichen Gruppen rekrutiert – aus der Frauenbewegung ebenso wie von Libertären oder aus christlichen Gruppen. Die schöne Studentin Alexa und der Journalist Riven leisten Widerstand gegen die Etablierung einer totalitären Diktatur.
Ich zeige hier die Verführbarkeit der Menschen durch egalitäre Ideologien und die Dynamiken totalitärer Bewegungen, die sich durch zunehmende Radikalisierung auszeichnen, wenn sie einmal an der Macht sind. Das Buch ist ein Roman, basiert aber auf Jahrzehnten von Forschungen, in denen ich mich mit totalitären Bewegungen befasst habe. Ich habe nicht einfach ein neues Buch geschrieben, sondern möchte andere Anhänger liberaler oder libertärer Ideen ermutigen, zusätzlich zu den Fakten zu versuchen, Menschen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen.
Fakten sind wichtig und bleiben wichtig. Aber wir müssen von den Linken lernen, die es weitaus besser verstehen, Menschen emotional zu erreichen. Sie sind einfach besser im Marketing und der PR. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie Jahrzehnte lang in vielen Ländern die öffentliche Meinung so stark beeinflussen und oft sogar dominieren konnten.
- Rainer Zitelmann für renommierten Literatur-Preis nominiert
- „Entscheidend ist, wie die Menschen Gerechtigkeit empfinden“
- Der alte weiße Mann
Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Autor des Romans: „2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird.“ Der Historiker und Soziologe war auch als Unternehmer und Investor erfolgreich. Er hat 30 Bücher geschrieben und herausgegeben, die in 35 Sprachen übersetzt wurden. Sein aktuelles Buch ist eine Dystopie gegen den Egalitarismus. Er ist nominiert für einen der prestigeträchtigsten Buchpreise der USA, den Hayek Prize 2025 des Manhattan Instituts.
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