„Made in Europe”: Die falsche Antwort auf die richtige Frage

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Brüssel will mit dem „Industrial Accelerator Act“ (IAA) Produkte aus der EU stärken und Abhängigkeiten reduzieren. In der Praxis drohen jedoch mehr Bürokratie, höhere Preise und neue Handelskonflikte.

Von Jürgen Matthes

Die Idee klingt simpel: Per Gesetz möchte die EU-Kommission Produkte „Made in Europe“ bei der Verwendung öffentlicher Gelder bevorzugen und damit Europa unabhängiger machen – vor allem von billigen Waren aus China. Doch der Vorschlag droht zum wirtschaftspolitischen Fiasko zu werden – mit hohen Kosten für Unternehmen, Verbraucher und internationale Partnerschaften.

Jürgen Matthes (Bild: IW Köln / Uta Wagner)

Vier Gründe, warum der Vorschlag der EU-Kommission nicht funktioniert:

  1. Unternehmen müssten dokumentieren, ob ein Produkt wirklich „Made in Europe“ ist, und aufwendig prüfen, welche Länder als Lieferanten zulässig sind. Welche Behörde das kontrollieren soll, bleibt unklar. Klar ist nur: Das wird mühsam und schafft neue Berichtspflichten und Kontrollen. Statt Bürokratie abzubauen, gäbe es ein weiteres EU-Bürokratiemonster.
  2. Der IAA ist ein Killer für Wettbewerbsfähigkeit und treibt die Inflation. Unternehmen müssten künftig selbst standardisierte Produkte aus der EU beziehen – auch wenn hier keine kritische Abhängigkeit von China besteht. Eine Diversifizierung der Lieferketten über mehrere Schwellenländer würde damit erschwert. Die Folge: höhere Kosten für Unternehmen, weniger Investitionen und steigende Verbraucherpreise.
  3. Der IAA fokussiert auch auf vermeintlich kritische Abhängigkeiten. So besteht etwa bei Solarmodulen keine strategisch problematische Abhängigkeit, die eine teure Rückholaktion nach Europa rechtfertigen würde. Da Solarmodule quasi von der Stange zu haben sind, wäre es kostspielig, sie in Europa zu produzieren. Entgegen dem Ziel der Kommission würde das die Energiewende verteuern und verlangsamen.
  4. Es droht ein geostrategischer Bumerang-Effekt: Statt gezielt auf den Unterbietungswettbewerb aus China zu reagieren, würden auch Partnerländer getroffen. Das provoziert Gegenmaßnahmen und schwächt Partnerschaften, die wir unter dem Dauerdruck aus den USA und China dringend brauchen.

Ausgleichszölle besser als der protektionistische Vorschlaghammer

Brüssel hat recht, wenn es auf die unfaire chinesische Konkurrenz reagiert, die Europas Industrie bedroht – und deren Niedrigpreise ein De-Risking nahezu unmöglich machen. Doch der IAA ist die falsche Antwort. Er erfasst das Problem nur teilweise: Wichtige Branchen wie der Maschinenbau bleiben außen vor. Und wo er ansetzt, greift er zum protektionistischen Vorschlaghammer – mit erheblichen Kollateralschäden auch innerhalb der EU. Dabei gäbe es ein besseres Instrument: Ausgleichszölle gegen chinesische Wettbewerbsverzerrungen wären deutlich zielgenauer und haben nichts mit Protektionismus zu tun. Sie setzen direkt bei unfairen Praktiken an, statt europäische Unternehmen unnötig zu belasten.

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Jürgen Matthes ist Leiter des Themenclusters Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V..

Bild oben: AI-generated

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