Früher links, heute konservativ-liberal: Dieter Nuhr und andere erklären ihren Sinneswandel
14 bekannte deutsche Intellektuelle erklären in einem eben erschienenen, sehr lesenswerten Band, warum sie nicht mehr links sein wollen.
Von Dr. Dr. Rainer Zitelmann
Dass Menschen in ihrer Jugend links waren und später Liberale oder Konservative wurden, ist nicht ungewöhnlich: Das trifft für die Ökonomen Milton Friedman und Thomas Sowell sowie die Philosophen Friedrich August von Hayek und Karl Popper zu. Auch unter deutschen Publizisten ist dieses Muster nicht selten – Thomas Schmid war Mitgründer der linksextremen Gruppe „Revolutionärer Kampf“ und wurde später Welt-Herausgeber, Bernd Ziesemer war Mitglied der maoistischen KPD/AO und später Chefredakteur des Handelsblatt, der Historiker Karl Schlögel war ebenfalls bei der maoistischen KPD/AO – und ich selbst war bei der maoistischen KPD/ML. Auch der Pop-Titan Dieter Bohlen schreibt in seiner Autobiografie, dass er zur SDAJ, der Jugendorganisation der kommunistischen DKP gehörte.

Hat sich vielleicht nur die Gesellschaft geändert?
In dem neuen Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ berichten 14 Autoren von ihrer linken Vergangenheit – und der Wandlung ihres Denkens. Auffällig ist, dass viele von ihnen schreiben, sie selbst hätten sich gar nicht so sehr gewandelt, sondern die Gesellschaft oder auch die linke Bewegung. „Da hat einfach jemand am Meinungskompass gedreht, ich habe nicht die Seiten gewechselt“, schreibt die Schriftstellerin Monika Maron, die in der DDR aufwuchs. Auch die Kabarettistin Monika Gruber betont: „Ich stehe immer noch genau da, wo meine Eltern stehen und auch meine Großeltern standen. Das Einzige, das sich verändert hat, ist die öffentliche Meinung.“
Manche betonen, die Linke sei früher anders gewesen und in mancher Hinsicht heutigen Linken überlegen: „Wir lasen noch Bücher und diskutierten in der Sache. Wir beschäftigten uns nicht hauptsächlich mit Selbstvermarktung im Internet“, schreibt Mathias Brodkorb, SPD, ehemals Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern. Manche beschwören die vermeintlichen freiheitlichen Traditionen der politischen Linken, die heute verloren gegangen seien, so wie der ehemalige Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Hubert Kleinert, der kritisiert: „Mit den freiheitlichen Traditionen der historischen Linken hat das Programm der Wokeness-Aktivisten nichts mehr zu tun.“
Waren Linke früher besser?
Aber gibt es wirklich eine freiheitliche Tradition der Linken? Nicht nur Lenin, Stalin und Mao waren Feinde der Freiheit, sondern auch Marx und Engels. Viele der Autoren sind in der 68er-Bewegung sozialisiert worden. Sie berufen sich darauf, dass sie damals zu Recht die unzureichende Aufarbeitung des Nationalsozialismus kritisierten und gegen den Vietnam-Krieg waren. Das alles sind hehre Motive. Aber war man wirklich für die Freiheit? Oder wollte die 68er-Linke nicht die parlamentarische Demokratie durch ein Rätesystem ersetzen und den Kapitalismus durch eine sozialistische Wirtschaftsordnung? War es Ausdruck freiheitlicher Gesinnung, Andersdenkende in studentischen Versammlungen niederzuschreien und zu terrorisieren? Standen die 68er nicht schon damals gegen Israel und auf Seiten der PLO?
Dieter Nuhr meint, er sei zwar kein Linker mehr, aber „nach altem Maßstab“ sei er in vieler Hinsicht „linker“ als viele, die sich heute für Linke halten, u.a. deshalb, weil er für Meinungsfreiheit eintrete. Ja, Linke waren in den 70er Jahren gegen „Berufsverbote“. Aber nur deshalb, weil sie selbst davon betroffen waren. Heute sind sie vehement dafür, weil es Rechte betrifft. Und die Rechten, die heute gegen Berufsverbote sind? Vermutlich werden viele dafür sein, wenn es nicht sie, sondern wieder die Linken betrifft. Nein, Menschen wie Nuhr sind in keiner Hinsicht links, sie sind Liberale, die aus Prinzip für die Freiheit sind – für die Meinungsfreiheit ebenso wie für wirtschaftliche Freiheit, was nur ein anderes Wort für Kapitalismus ist. Ist es schlimm, seine Meinung zu ändern?
Ist es schlimm, Fehler in der Jugend zu begehen? Ich finde nicht, dass es schlimm ist, und zwar dann nicht, wenn man dazu steht und sich selbstkritisch damit auseinandersetzt, wie die Autoren dieses überaus lesenswerten Bandes. Mathias Brodkorb hat Recht, wenn er schreibt: „Es gibt letztlich zwei Typen von Menschen, die im Laufe ihres Lebens nie die Richtung ihres Denkens ändern mussten: die einen sind die Genies von Geburt. An. Die aber gibt es in Wahrheit gar nicht, sofern man Aristoteles und Gehlen Glauben schenken darf. Und die anderen sind einfach Idioten, die partout nichts dazu lernen wollen.“
Was unterscheidet dabei den Opportunisten von klugen und ehrlichen Menschen (und das sind zweifelsohne die Autoren dieses Bandes)? Der Opportunist passt sich von heute auf morgen an, so wie die sogenannten „Märzgefallenen“ nach Hitlers Machtergreifung 1933, viele West- und Ostdeutsche nach 1945 oder manche Ostdeutsche nach der Wende 1989. Bei den Nachdenklichen und Ehrlichen geht der Wandel langsam, wie Monika Maron schreibt: „Du wirst mit einer bestimmten Idee und Weltsicht groß, und die bröckelt dir nur langsam weg.“
Blinder Fleck Wirtschaft
Was auffällt: In dem Buch schreiben überwiegend Intellektuelle. Leute, die mal Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Germanistik oder ähnliche Fächer studiert haben. Die meisten haben nie in der Wirtschaft gearbeitet, nicht zu ihren linken Zeiten und auch später nicht. Sie sind wirtschaftsfern. Ihre Kritik entzündet sich an kulturellen Fragen, an der Bedrohung der Meinungsfreiheit durch Political Correctness, an der woke-Ideologie und Multikulti-Illusionen. Die Wirtschaft spielt und spielte bei den meisten – sieht man mal von taz-Mitgründer Ulli Kulke ab – kaum eine Rolle. Harald Martenstein schreibt in seinem sprachlich und inhaltlich brillanten Beitrag ehrlich: „Außer Schreiben kann ich gar nichts. Vorlesen geht auch. Aber sonst? Ich kann nichts reparieren, ich spiele kein Instrument, ich bin kein guter Koch, ich bin kein guter Geschäftsmann, bin höchstens mittelmäßig gebildet und war nie ein guter Sportler.“ Macht nichts, möchte man sagen, bei jemandem, der wirklich ein Meister der Sprache ist. Mit Blick auf die Wirtschaft sind manche der Autoren noch links geblieben, so Kleinert, der trotzig am Schluss seines Beitrages schreibt, die Frage der „sozialen Gerechtigkeit“ bleibe ein zentrales Thema und die „Vermögensverteilung in Deutschland ist ungerecht“.
Als ich das Buch in die Hand bekam, war ich erst sauer, weil man mich nicht gefragt hat, ob ich einen Beitrag schreibe. Doch der Herausgeber Reinhard Mohr hat Recht: Er und ich haben das ausführlicher getan – ich in meiner Autobiografie „Wenn du nicht mehr brennst, starte neu“. Dann konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen und habe es in einem Zug gelesen. Ich freue mich auf einen zweiten Teil – vielleicht mit Schmid, Schlögel, Bohlen und Ex-Maoist (später Telekom-Vorstand) Thomas Sattelberger. Das Buch ist ein wichtiger Teil deutscher Zeit- und Kulturgeschichte.
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Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker – und war auch als Unternehmer und Investor erfolgreich. Er hat 30 Bücher geschrieben und herausgegeben, die in über 35 Sprachen übersetzt wurden (“Weltreise eines Kapitalisten“, “Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie Länder Armut wirklich besiegen“, “Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“) und jüngst auch die Master-Class “Finanzielle Freiheit – Schluss mit der Durchschnittsexistenz“ vorgelegt. Sein jüngstes Buch ist der Anti-Woke Roman „2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“.























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