„Wenn Russland gewinnt“ – ein Jahr danach

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Vor einem Jahr schloss Carlo Masala, der renommierte Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sein Buch „Wenn Russland gewinnt“ ab. Leider ist sein Buch, das als Warnung verstanden werden will, heute aktueller denn je. In Deutschland war es auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Von Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Masala entwirft keine apokalyptische Vision eines Dritten Weltkriegs und kein Szenario eines groß angelegten russischen Angriffs auf Europa. Ein russischer Sieg im Ukrainekrieg ist aus seiner Sicht schon dann gegeben, wenn Russland das Territorium behalten kann, das es aktuell besetzt hat. In seinem Szenario ging er davon aus, dass ein faktischer Diktatfrieden Russland erlaubt, 20 Prozent der Ukraine zu behalten. Der Westen belügt sich selbst damit, dass die Annexion völkerrechtlich nicht anerkennt werde, während in Russland die Sektkorken knallen und der Sieg gefeiert wird – so das Szenario.

Wenn Russland gewinnt: Ein Szenario  von Carlo Masala

Aber bleibt es dabei? Ist Russland damit dann zufrieden? Viele Menschen im Westen trösten sich heute mit dem Gedanken, dass ein nach dem Ukraine-Krieg geschwächtes Russland wohl kaum willens oder in der Lage sei, das nächste Abenteuer zu suchen, und die NATO anzugreifen. Masalas Szenario ist ein anderes: Russland greift wenige Jahre nach dem Ende des Ukraine-Krieges die kleine Stadt Narwa in Estland an, unter dem Vorwand, dort lebende Russen zu schützen.

Das wirksamste Mittel der Russen

Der Angriff wird bewusst so „klein“ gehalten, dass zwar einerseits das NATO-Gebiet verletzt wird, andererseits Politik und öffentliche Meinung in den USA und Westeuropäer die Frage stellen, ob man wirklich einen Weltkrieg wegen einer kleinen Stadt mit 57.000 Einwohnern riskieren will.

Masalas Szenario: Nur die Osteuropäer erkennen das wirkliche Risiko, das damit verbunden ist, wenn die NATO darauf nicht wirksam reagiert. Aber die USA und Westeuropa knicken ein. Die Westeuropäer haben es – trotz aller verbalen Zusicherungen – nach dem Ende des Ukraine-Krieges versäumt, die notwendige Verstärkung der militärischen Fähigkeiten umzusetzen. „Nirgendwo ist es der Bevölkerung zu vermitteln, jetzt noch mehr für die Verteidigung auszugeben und dafür im Sozialbereich, bei der Rente oder der Pflege Einsparungen vorzunehmen. Lediglich in den mittel- und osteuropäischen Staaten sowie im Baltikum ist die Bedrohungswahrnehmung unverändert hoch.“

Masala kritisiert die westliche Appeasementpolitik, die schon im Ukrainekrieg so fatale Auswirkungen hatte und hat. Das wirksamste Mittel der Russen ist es, immer wieder die Angst vor einem Atomwaffeneinsatz zu schüren. „Jede militärische Hilfe für die Ukraine wurde unter dem Angstszenario einer möglichen nuklearen Eskalation geleistet, erfolgte mit Blick auf die militärische Situation immer zu spät und war immer zu wenig, um das Land in die Lage zu versetzen, sich erfolgreich gegen Russland zur Wehr zu setzen. Die Lehre, die Russland aus diesen Erfahrungen zieht, ist, dass nukleare Drohungen wirken, um die Gegenseite von bestimmten Maßnahmen abzuhalten.“

Pseudopazifistischen Parolen

Anders ist der Erfolg Russlands nicht zu erklären, denn wirtschaftlich ist das Land viel, viel schwächer als Europa und auch die militärischen Fähigkeiten sind – wie der Ukraine-Krieg zeigt – viel geringer, als man vor Beginn des Krieges dachte.

Aber Russland setzt darauf, dass der Westen schwach ist – es hat hier seine Schönredner und Verbündeten in Politikern Rechts- und Linksaußen, die bewusst die Gefahr verharmlosen und mit pseudopazifistischen Parolen geschickt an die Ängste der Menschen appellieren. Die Stärke Russlands ist die Angst und Schwäche des Westens – dieser Befund von Masala ist leider hochaktuell.

Den französischen Präsidenten vom Rassemblement National lässt Masala in seinem Szenario sagen: „Man hat gesehen, wie die kriegstreiberischen Länder nicht nur ihre eigenen Volkswirtschaften fast in den Ruin geführt haben, sondern sie haben diesen Krieg, dessen Endergebnis man auch bereits anderthalb Jahre früher hätte erzielen können, unnötig in die Länge gezogen und damit Tausenden wenn nicht gar Hunderttausenden Ukrainern die Möglichkeit genommen, heute noch am Leben zu sein.“ Dieser Zynismus erinnert an jemanden, der einem Ertrinkenden nicht zu Hilfe kommt und aktiv Stimmung dagegen macht, ihm zu helfen – und dann, nachdem er ertrunken ist, triumphierend-rechthaberisch sagt: „Seht ihr, ich habe ja gleich gesagt, der wird ertrinken.“

Masalas Szenario ist erschreckend realistisch, und zwar gerade, weil es vordergründig kein apokalyptisches Weltuntergangsszenario ist, sondern nur das fortschreibt, was wir seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine vor zwölf Jahren beobachten können.

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Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker – und war auch als Unternehmer und Investor erfolgreich. Er hat 30 Bücher geschrieben und herausgegeben, die in über 35 Sprachen übersetzt wurden (“Weltreise eines Kapitalisten“, “Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie Länder Armut wirklich besiegen“, “Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“) und jüngst auch des Anti-Woke Romans „2075. Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“. Sein neuestes Buch ist Weltraumkapitalismus“.

Bild: Marina Stroganova auf Pixabay

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