Zwischen Sirenen und Supercars: Wie Deutsche den Krieg am Golf erleben

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Drama im Nahen Osten: Im Zuge der amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran sind auch die Anrainerstaaten wie Dubai unter Beschuss. Alina Cara Beyer berichtet für DDW, wie sie die Situation erlebt. Die Berliner TV-Journalistin war auch Co-Moderatorin des diesjährigen Festaktes „Innovator des Jahres“ und ist zur Zeit in der Golfmetropole.

Beim leisesten Geräusch zucke ich zusammen und schaue reflexartig zum Fenster: War das gerade eine Detonation? Nein. Es ist nur wieder ein Lamborghini, der unter meinem Fenster über die Sheikh Zayed Road jagt. Grollende Geräusche haben für mich in Dubai plötzlich eine neue Bedeutung. In einer Stadt voller Luxusautos und permanentem Stau gehörte der Lärm so sehr zur Grundkulisse, dass mein Gehirn ihn bisher ausgeblendet hat. Seit dem Angriff des Iran am 28. Februar 2026 ist das anders.

Auch in der Nacht bin ich bei jedem Poltern hellwach. Neben mir habe ich mit Decken und Kissen eine Barriere zum Fenster gebaut, eine improvisierte Schutzwand Richtung Glasfront. Ich habe gelesen, das soll helfen, falls Trümmerteile von Drohnen den Weg durch mein Fenster im 36. Stock finden. Ob es wirklich etwas nützt, weiß ich nicht – aber es macht die Vorstellung, dass da draußen etwas vom Himmel fallen könnte, einen Tick erträglicher.

Mein Hotel liegt so, dass ich die Konfliktkarte der Stadt von meinem Balkon aus lesen kann. Der Burj Al Arab ist in etwa zehn Minuten zu Fuß erreichbar; genau dort wurden beim iranischen Angriff über Dubai Drohnen abgefangen, deren Trümmer an der Fassade des Luxushotels einen Brand ausgelöst haben, den der Zivilschutz nach offiziellen Angaben schnell unter Kontrolle brachte. Der Flughafen, an dem ebenfalls Trümmer eingeschlagen sind, liegt rund 15 Autominuten entfernt. Wie oft ich schon an Terminal 3 gesessen habe, kann ich nicht mehr zählen – bisher war das Drehkreuz für mich ausschließlich mit guten Erinnerungen verbunden. In der Nacht zum 1. März mussten wegen der Angriffe aus dem Iran zehntausende Menschen evakuiert werden. Rund 30.000 deutsche Urlauber sitzen derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten fest, und vorerst gibt es kaum Möglichkeiten, die Region per Flug zu verlassen.

„Selbst schuld“: Das bittere Signal aus der Heimat

Dazu der Auftritt von Außenminister Johann Wadephul bei „Miosga“ zur besten Sendezeit. Während die Vereinigten Arabischen Emirate nach Israel das am zweitstärksten angegriffene Ziel dieser Eskalation sind, erklärt der deutsche Außenminister im Fernsehen, man tue schon alles, was man könne. Seit Beginn der Angriffe wurden auf das Land 165 ballistische Raketen, 2 Marschflugkörper und 541 iranische Drohnen abgefeuert. Und was ist aus deutscher Sicht die Antwort auf so ein Szenario? Die Festsitzenden „mindestens einmal am Tag“ mit Informationen zu versorgen und mit Reiseveranstaltern zu sprechen – das soll für Menschen ausreichen, über deren Köpfen buchstäblich hunderte Raketen und Drohnen unterwegs sind. Eine Evakuierung mit Hilfe der Bundeswehr schließt Wadephul dagegen kategorisch aus. Im Gespräch verweist er zudem darauf, das Auswärtige Amt habe seit Wochen auf die Verschärfung der Lage hingewiesen, jeder habe das ja in den Nachrichten verfolgen können. Miosga hakt nach – „Also ein Stück weit sind die auch selbst für sich verantwortlich, wenn ich Sie richtig verstehe. Sie haben eine Warnung ausgesprochen, und wer dann da hinfährt – bitte schön.“ Wadephul antwortet: „In der Tat: Es war nicht ganz unbekannt, dass das gefährlich werden könnte.“ Übersetzt heißt das: Ihr hättet besser wissen müssen, worauf ihr euch einlasst. Was dabei untergeht: Bis zum 28. Februar gab es überhaupt keine offizielle Reisewarnung für Dubai oder Abu Dhabi; sie kam exakt an dem Tag, an dem die Angriffe begonnen haben. Wer vorher hierher geflogen ist, hat sich nicht über Empfehlungen hinweggesetzt, sondern ist in ein Ziel gereist, das sein eigener Staat bis dahin als unproblematisch eingestuft hatte. Er ist in einen Urlaubsflieger gestiegen – und im Kriegsgebiet gelandet.

Während andere Länder, allen voran Großbritannien, längst damit begonnen haben, ihre Bürger aktiv aus der Region herauszuholen, heißt es in Deutschland sinngemäß: selbst schuld. Das ist eine bemerkenswert sportliche Auslegung staatlicher Verantwortung – um nicht zu sagen: eine Verkehrung des Rollenverständnisses. Wir zahlen schließlich Steuern, unter anderem genau dafür, dass die Bevölkerung geschützt wird. Und es ist eben der Kernauftrag des Auswärtigen Amts, deutsche Staatsbürger im Ausland in Krisenlagen zu schützen, zu informieren und – wenn nötig – herauszuholen. Wer Jahr für Jahr seinen Anteil abdrückt, darf im Ernstfall erwarten, dass der Staat sich schützend vor ihn stellt, wenn er unverschuldet in eine solche Situation gerät – und nicht, dass er im Nachhinein moralisch mit dem Finger auf ihn zeigt.

Der Kontrast zu den Behörden hier vor Ort, auf die man in Deutschland nur zu gern mit dem moralischen Zeigefinger zeigt, könnte kaum größer sein. Hier gibt es ein völlig anderes Verständnis davon, was staatliche Verantwortung für die Sicherheit von Bürgern und Besuchern bedeutet. Eine 24StundenHotline mit psychologischer Betreuung, klare Notfallnummern für Einwohner und Touristen, Informationen zur konkreten Gefahrenlage in Echtzeit aufs Handy. Außerdem werden die kompletten Kosten für gestrandete Urlauber übernommen: Hotel, Transport, Verpflegung. Der Wiederaufbau beginnt praktisch im Takt mit der Schadensaufnahme: Trümmer weg, Glas ersetzt, Fassaden gesichert. Das alles in ruhigem Ton, aber ohne Beschönigung. Ja, die Lage ist ernst. Aber der Modus ist: Wir haben Systeme, wir haben Pläne, wir setzen sie um. Keine EndzeitRhetorik, keine öffentliche Hysterie – das ist echte Krisenkommunikation.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem Restaurant auf der Palm. Ein paar Meter weiter ist vor zwei Tagen ein Hotel von Trümmern einer abgefangenen Drohne getroffen worden, einige Gäste wurden evakuiert. Das Personal ist heute so freundlich und professionell wie immer, der Service läuft, als wäre nie etwas gewesen. Für heute Abend habe ich mir eine SpinningClass gebucht. Man könnte fast glauben, es sei „business as usual“ – bis wieder das dumpfe Grollen der Abfangraketen zu hören ist oder die nächste SMSWarnung auf dem Handy landet.

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Bild oben: Alina Cara Bayer

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