Der Abnabelungsprozess von den Institutionen beginnt
Wenn das Außen brüchig wird, muss der Einzelne antifragiler werden – und vor allem eines tun.
Von Milosz Matuschek
Wie oben, so unten. In der großen Welt spiegelt sich die kleine Welt oder die Vielzahl der Welten. Was im Großen passiert, ist also immer auch schon das, was im Kleinen ist.
Die Chiffre unserer Zeit gerade lautet: Unsicherheit, Ungewissheit, Unzuverlässigkeit.
Die neue Unübersichtlichkeit mag gewollt sein. Vielleicht ein Ablenkungsmanöver? Das Netz spottet schon: Die Epstein Files haben es doch tatsächlich geschafft, sich selbst unsichtbar zu machen, den III. Weltkrieg auszulösen und eine weitere fake Mondmission zu starten.
Wer im aktuellen Gebaren des Westens einen genialen Plan vermutet, würde das nach den Aussagen des Präsidenten der USA der letzten Wochen wahrscheinlich bei jeder seiner Aussagen tun.
Die Rhetorik der Verwirrung
Wenn der “Artist of the Deal” mit dem Erzfeind spricht, dann klingt das in etwa so (zusammengetragen von einem “Reddit-User”):
- 3 März: „Wir haben den Krieg gewonnen.“
- 4 März: „Wir haben den Iran besiegt.“
- 5 März: „Wir müssen den Iran angreifen.“
- 6 März: „Der Krieg ist nahezu vollständig und sehr schön beendet.“
- 7 März: „Man sagt nie gern zu früh, dass man gewonnen hat. Wir haben gewonnen. In der ersten Stunde war es vorbei.“
- 8 März: „Wir haben gewonnen, aber noch nicht vollständig.“
- 9 März: „Wir haben den Krieg gewonnen.“
- 10 März: „Bitte helft uns.“
- 11 März: „Wenn ihr uns nicht helft, werde ich mir das ganz sicher merken.“
- 12 März: „Eigentlich brauchen wir überhaupt keine Hilfe.“
- 13 März: „Ich habe nur getestet, wer mir zuhört.“
- 14 März: „Wenn die NATO nicht hilft, wird sie etwas sehr Schlimmes erleben.“
- 15 März: „Wir brauchen weder noch wollen wir die Hilfe der NATO.“
- 16 März: „Ich brauche keine Zustimmung des Kongresses, um aus der NATO auszutreten.“
- 17 März: „Unsere Verbündeten müssen bei der Wiederöffnung der Straße von Hormuz zusammenarbeiten.“
- 18 März: „Die US-Verbündeten müssen sich zusammenreißen – sie sollen mithelfen, die Straße von Hormuz zu öffnen.“
- 19 März: „Die NATO ist feige.“
- 20 März: „Die Straße von Hormuz muss von den Ländern geschützt werden, die sie nutzen. Wir nutzen sie nicht, wir müssen sie nicht öffnen.“
- 21 März: „Das ist das letzte Mal. Ich gebe dem Iran 48 Stunden. Öffnet die Meerenge.“
- 22 März: „Der Iran ist tot.“
- 23 März: „Wir hatten sehr gute und produktive Gespräche mit dem Iran.“
- 24 März: „Wir machen Fortschritte.“
- 25 März: „Sie haben uns ein Geschenk gemacht, und das Geschenk ist heute angekommen. Und es war ein sehr großes Geschenk von enormem Wert. Ich werde euch nicht sagen, was dieses Geschenk ist, aber es war ein sehr bedeutender Preis.“
- 26 März: „Macht einen Deal, oder wir werden sie einfach weiter bombardieren.“
- 27 März: „Wir müssen für die NATO nicht da sein.“
- 28 März: Kein bedeutendes Zitat
- 29 März: Behauptete, die Gespräche würden voranschreiten
- 30 März: „Öffnet die Straße von Hormus sofort, oder stellt euch verheerenden Konsequenzen.“
- 31 März: Behauptete, ein Deal sei „sehr nahe“ und Iran werde „das Richtige tun”
Im April ging es so weiter: - 1. April: „Wir werden sehr bald sehen, was passiert.“
- 2. April: Wiederholte, dass ein Deal wahrscheinlich sei, warnte jedoch vor weiteren Angriffen.
- 3. April: „Etwas Großes wird passieren.“
- 4. April: Sagte, Iran müsse „sofort“ nachgeben, sonst drohten weitere Konsequenzen.
- 5. April: „Öffnet die verdammte Straße, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – WARTET ES NUR AB! Gelobt sei Allah.“
Der Weltgeist reitet heute nicht mehr zu Pferde, sondern vollführt eine Reality-Seifenoper in unmittelbarer Nähe des nuklearen Knopfs. In einem unübersichtlichen Tohuwabohu nach Sinn suchen zu müssen, gleicht dem Versuch, in Exkrementen nach Goldstücken zu stochern. Die Sprache des Krieges des US-Präsidenten ist der Aufstieg provinzieller Kneipenprovokationsrhetorik auf der Weltbühne. Das lässt die angeblichen Weihen der höheren Sendung der Weltgeschichte wie die Rufe eines Fieberträumigen erscheinen.
Der Sinn des Unsinns
Das heißt nicht, dass Chaos keinen Sinn machen muss. Ist nicht auch Schall und Rauch ein mächtiger Verbündeter, wenn es um Machtinteressen geht? Doch die Verwirrtaktik ist eben auch friendly fire auf den Geist der Weltgemeinschaft, ein weiterer Angriff auf das Immunsystem von Mensch und Gesellschaft.
“In einer Zeit, in der alles entwertet wird – vom Geld über Diplome, über Berufsethik, moralische Maßstäbe, die Beweiskraft der Bilder, ja von Information generell –, schafft die Rhetorik auf der Weltbühne eine Ruinenlandschaft, deren Erhaltung sich am Ende kaum mehr jemand wünschen will”
Nach dem Angriff durch Corona auf das körperliche Immunsystem folgt nun ein fortgesetzter Angriff auf das geistige Immunsystem. Wenn die Realität nur noch wirkt wie ein Verwirrspiel, entsteht genau die Gemengelage, die es braucht, um alles, was bisher gewachsen war oder institutionell verkörpert wurde, vollständig auszuhöhlen – und schließlich zu ersetzen.
So zieht man erst die Substanz aus allem und hinterlässt eine leere Hülle, eine Simulation. In einer Zeit, in der alles entwertet wird – vom Geld über Diplome, über Berufsethik, moralische Maßstäbe, die Beweiskraft der Bilder, ja von Information generell –, schafft die Rhetorik auf der Weltbühne eine Ruinenlandschaft, deren Erhaltung sich am Ende kaum mehr jemand wünschen will. Die nächsten Wehrpflichtigen sollen mit dem Palaver im Ohr von Kreuzrittern, Glücksrittern und Maulhelden für die gute Sache sterben. Am Ende sind sie alle Ritter von der traurigen Gestalt.
Erst Sinnentzug, dann Obsolenz, dann Disposition und Ersatz. All das zwingt auch zur Überlegung, wie sich Wert so leicht entziehen lassen kann – und das einfach nur durch Banalisierung. Worin bestand dann dieser Wert, und durch wen wurde er stabilisiert? Die Kräfte des Destruktiven haben eben auch die Funktion eines Statusmelders, nämlich zu zeigen, was intrinsisch stark genug ist, dass es Erschütterungen standhält. Die Zertrümmerung ist ein Test der Robustheit. Sie verrät die Stärke der noch vorhandenen Elemente und hebt diese hervor.
Das Gegenprogramm des Einzelnen
Die Situation mahnt somit jeden Einzelnen dazu, sein Gegenprogramm zu formulieren. Dieses könnte auf “Antifragilität” lauten, ein Kunstwort von Nassim Taleb, der den Prozess beschreibt, wie Dinge durch Erschütterung, Chaos und Stress besser und stärker werden.
Die grassierende Entwertung ruft auf zur Wiederbelebung der Werte, ja zu einem ganz neuen, werthaften Bewusstsein allgemein. Denn wo sich Wertlosigkeit von allem durchsetzt, dort kollabiert der Sinn. Dort schwächt sich die Grundspannung, die einer vitalen Gesellschaft innewohnt. Dort erlahmt der élan vital (Henri Bergson).
Sind das die Epigonen der neuen Welt? Kommt jetzt ein Zeitalter der Ungewissheit, in der sich alles täglich neu sortiert? Die Reihenfolge der Gunst immer wieder anders aussieht? Jeder neue Umkehrschwung als Prinzip ausgegeben wird, das wiederum gleich für obsolet erklärt wird? Was bedeutet das für alle, die sich den Reim auf diese Zeit machen wollen?
In Zeiten wie diesen versperrt Verwirrung zunächst den Blick auf Handlungsoptionen und zwingt vermeintlich zum Verharren im neutralen Zustand. Wenn unklar ist, was zu tun ist, tut man besser nichts. Die Unsicherheit zwingt also in die Ohnmachtsfunktion, im Grunde nichts tun zu können, da jeder Schritt das Risiko birgt, ein falscher zu sein. So gibt die Verbreitung von Unsicherheit allein schon denjenigen, die diese vorantreiben, einen Vorsprung, weil es andere erst einmal in die Verharrung zwingt.
“Wer nicht Beobachter einer Katastrophenstatistik sein will, setzt der Unsicherheit der Beziehungen auf der Weltebene die Stärkung der Bindung auf persönlicher Ebene entgegen”
In dem Maße, wie die Verwirrung zunimmt, muss die Suche nach den besten Lebensoptionen forciert werden und kristallklarer hervortreten. Verwirrung ist dann nicht nur Zersetzungsmethode, sondern Gelegenheit zur ehrlichen Neukonfiguration, ja zur Emergenz des Neuen.
- Die verwirrende Eskalationsdynamik der letzten Wochen müsste jetzt jedem klargemacht haben, dass es ohne eigene Gestaltung der Lebensumstände nicht mehr geht.
- Sie zwingt dazu, selbst unter unklaren Wetterverhältnissen zu versuchen, einen eigenen Kurs einzuhalten, diesen herauszukristallisieren und zu stärken.
- Verwirrung kann größere Entscheidungen vertagen, aber dafür viele kleinere Entscheidungen hin zu mehr Optionen forcieren.
- Handlung jeglicher Art bedeutet materialisierte Entscheidung. Der Maßstab kann jedoch nur eine “imperfekte Aktion” sein.
- Mobilität zählt mehr, als das perfekte Setup: Zuflucht ist vielleicht kein Ort. Ein Setup kann auch ein Gefängnis sein. Wer vor Kurzem noch für Dubai schwärmte, fand sich inmitten von Raketeneinschlägen wieder. Was wird in Südamerika und Mittelamerika passieren nach der Beschlagnahme der Ölvorräte von Venezuela?
- Stärkung der persönlichen Verbindungen: Wenn die Welt überall ein bisschen brennt, verlässt der atomisierte Mensch automatisch sein (digitales) Isotop und muss sich an den Pilzen und ihrer Vernetzungssprache orientieren. Wer nicht Beobachter einer Katastrophenstatistik sein will, setzt der Unsicherheit der Beziehungen auf der Weltebene die Stärkung der Bindung auf persönlicher Ebene entgegen.
Ein Abnabelungsprozess von den Institutionen beginnt. Das ist auch ein Reifeprozess, eine Form der Individuation und Initiation in einen erwachsenen Umgang mit der Welt.
Sicherheit, auf die man sich im Außen verlässt, ist Abhängigkeit.
Sicherheit, die man selbst erschafft und aus dem Inneren aufbaut, ist Unabhängigkeit.
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Milosz Matuschek ist Jurist und Publizist, war langjähriger Kolumnist der NZZ. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht (aktuelle Bücher: Generation Chillstand, «Wenn´s keiner sagt sag ich´s»). Er betreibt den reichweitenstarken Blog „Freischwebende Intelligenz“























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